Bei neuen Regierungen wird eine erste Beurteilung nach 100 Tagen vorgenommen und so will ich das auch mal mit meiner Therapie tun. Der Gesamteindruck ist positiv. Ich bewege mich wieder flüssig, tanze zu meiner eigenen Musik, komme trotz dem Rückfall beim Nikotin nicht mehr so schnell in Atemnot. Ich konnte sogar, nachdem der letzte Bus mal wieder zu früh abgefahren war, zu Fuß von Biedenkopf nach Engelbach gehen und in der Richtung ist der Berg saulang und steil. Ja, es war anstrengend. Doch das wäre es vor fünfzig Jahren auch gewesen. Es gibt einen ähnlichen Anstieg auf dem Weg zum Laacher See. Ich wandere jetzt fast täglich auf den Berg hinterm Haus, ohne Pause machen zu müssen. Was ich mit der Therapie erreichen wollte, habe ich eindeutig erreicht.
Nebenwirkungen. Da ist in erster Linie die Wirkung, die Cannabis zu einer beliebten Droge macht. Ich vergleiche Gehirne ja gern mit Computern. Cannabis wirkt ähnlich wie der Wechsel von Windows auf Linux oder umgekehrt. Es stehen andere Anwendungen zur Verfügung und sie funktionieren etwas anders. Allerdings sind die Übergänge fließend und nur in eine Richtung steuerbar.
Ich zögere die Einnahme des Medikaments manchmal hinaus, setzte es gezielt vor einem Spaziergang ein und genieße das, was Abstinenzler einen klaren Kopf nennen. Ich habe nach dem Ende meiner Karriere als Trunkenbold ja gelernt diesen klaren Kopf zu mögen. Auch wenn ihr vielleicht nicht alles mögt, was dieser klare Kopf sich ausdenkt. Meine Konfiguration, mein Weltbild mag euch fremd oder falsch oder asozial vorkommen. Doch der Versuch in eurem Weltbild zu leben hat mich ein Leben leben lassen, das im Rückblick wie ein tolles Abenteuer wirken mag, aber ein Scheißleben gewesen ist.
Man kann jetzt spekulieren, wie mein Leben mit Cannabis statt Alkohol verlaufen wäre. Nicht viel anders denke ich. Nicht der Alkohol war das Problem, sondern eure Art zu leben. Mich macht das krank, dieses absurde soziale Monopoly. Mir reicht die Badstraße, wenn ich dafür Zeit bekomme mein Leben zu leben, meine Werke zu schaffen, Künstler sein zu dürfen. Egal wie gut oder schlecht ich dabei bin.
An diesem grundsätzlichen Bedürfnis, diesem Kern meiner Persönlichkeit, ändert eine Droge nichts. Nun gut, ich habe viele Drogen nicht ausprobiert. Die harte Droge Alkohol war schlimm genug und ich kann nur immer wieder vor ihr warnen, auch wenn sie als Kulturgut gefeiert und besungen wird.
Cannabis macht auch abhängig. Ich kenne diese Schleife im Gehirn, die ständig „Mehr“ ruft. Es ist nur eine leise Stimme, ich kann sie leicht ignorieren. Der Rest, das andere Betriebssystem? Es hat Vor- und Nachteile, die ich nicht alle einzeln definieren und aufzählen will. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen würde dafür halbwegs passende Worte zu finden. Mein Gehirn funktioniert mit Cannabis ein wenig anders, nicht besser oder schlechter. So wie mit Kaffee. Gibt es ein Leben ohne Kaffee?
Ich kann euch leider nicht sagen, ob euch Cannabis schaden oder nützen wird. Ihr habt andere Hardware, andere Weltbilder, andere Persönlichkeiten. Ich denke das Medikament wirkt bei jedem anders und es ist bedauerlich, dass das Weltbild der Politiker noch immer brauchbare Studien ausbremst. Vielen könnte es wie mir helfen wieder Freude an Bewegung zu finden.

