Sorgfalt

Nachdem ich das Streben nach Effizienz angeprangert habe, möchte ich jetzt eine geistige Alternative vorschlagen: Sorgfalt. Mancher mag dieses Wort nicht kennen oder vergessen haben. Sorgfalt spielt in unserem von Profitstreben geprägten Wirtschaftssystem keine Rolle mehr. Dinge sollen nicht schön und haltbar sein, sondern ständig ausgetauscht werden.
Es wird öffentlich oft von Nachhaltigkeit gepredigt. Über Sorgfalt wird in diesem Zusammenhang nie gesprochen. Vielleicht will man das der auf Produktivität gedrillten Bevölkerung nicht zumuten. Doch die staunt über die mit viel Sorgfalt gefertigten Exponate im Miniaturwunderland und würde sich wahrscheinlich auch darüber freuen, wenn die Ergebnisse der eigenen Arbeit auch so aussehen würden. Und das meine ich nicht nur optisch. Sorgfalt war einmal die Grundlage für das Gütesiegel „Made in Germany“, auch wenn es von den Erfindern dieser Parole nicht als solches gedacht war.
Sorgfalt machte Handwerker stolz auf ihr Werk und das sogar dann, wenn sie in einer Fabrik Autos zusammen schraubten. Heute ist man stolz auf das gekaufte Auto, aber nicht mehr aus die Arbeit, die man dafür geleistet hat. Arbeit dient nur noch dem Lohn, nicht mehr der Freude. Es geht um Stückzahlen, nicht mehr um Freude oder Qualität, selbst dann noch, wenn die Stückzahlen ohne Käufer auf einem Parkplatz verrotten oder im Müll landen. Nicht jeder braucht zehn Autos.
Nebeneffekt dieser auf Massenproduktion ist nicht nur die Verschwendung von Arbeit und Ressourcen, sondern auch eine drastische Zunahme von psychischen Krankheiten. Menschen sind keine Maschinen und brauchen nicht nur Lohn für ihre Arbeit. Sie brauchen auch emotionale Befriedigung für die Zeit, die sie mit Arbeit verbringen. Zwei Autos mehr produziert zu haben und zu wissen, wie lieblos die zusammengeschustert wurden, sorgt nicht für Befriedigung, sondern für Frustration.
Sorgfalt braucht Zeit und Zeit ist Geld. So denken jedenfalls die Profiteure dieses Wirtschaftssystems. Die Investoren, diese kleine Minderheit reicher Menschen, die sich nicht mit liebloser Arbeit plagen müssen und sich die sorgfältig produzierten Luxusyachten leisten können. Eine Minderheit darf noch mit Sorgfalt arbeiten, die Mehrheit wird als Nutzvieh der Wirtschaft gnadenlos verheizt. Lasst euch nicht verheizen. Werdet sorgfältig.