Als ich die ersten Fotomontagen bastelte, hießen Heimcomputer noch C 64 oder Atari und hatten nur acht Farben. Auch wenn man darauf grafisch einfache Spiele programmieren und pixelige Bildchen malen konnte, war die elektronische Bildbearbeitung weit von den heutigen Möglichkeiten entfernt. Von Fotomontagen auf dem Computer konnte man damals noch nicht einmal träumen.
Ich besaß damals keinen PC, hatte aber Zugriff auf einen großen Stapel unterschiedlicher Magazine und die Idee ein fotorealistisches Tarot deck zu schaffen. Der Plan verlief im Sand der Zeit, andere Aspekte des Lebens waren wichtiger und ich vergaß die Idee.
Nur ein paar Jahre später und mit einem Abo des Stern gesegnet, keimte die Idee der Fotomontage erneut, diesmal ohne den großen Rahmen. Es waren die großformatigen Bilder in diesem Magazin, die mich animierten wieder zur Schere zu greifen.
Die Fotomontage war auch damals keine neue Kunstform, hatte die erste Blüte im Dadaismus gehabt. Doch ich wollte kein Dada, auch wenn ich diese Kunstrichtung für eine der lebendigsten halte. Ich wollte gut lügen, fotorealistische Traumbilder erschaffen, den Glauben an das Sichtbare erschüttern. Wie sehr man diese Idee pervertieren kann, war mir damals nicht bewusst. Ich machte Kunst, keine Politik.
Es gab für diese Arbeit keine Ausbildung, kein Meister konnte mich lehren. Schritt für Schritt musste ich mein Handwerk selbst entwickeln, die Haltung von Schere und Papier anpassen, bis möglichst unsichtbare Schnittkanten entstanden. Das Papier des Stern war zu dünn und ich stieg auf den großen Bruder um, das Magazin GEO mit seinen hervorragenden Bildern. Nebenbei lernte ich so auch noch eine Menge über die Welt.
Auch dieses Projekt endete im Chaos meines wilden Lebens und ich weiß nicht, ob noch Bilder aus jener Zeit existieren. Fotomontagen sind sehr empfindliche Werke und manchmal wundere ich mich darüber, wie viele davon mir erhalten geblieben sind.
Es dauerte weitere zehn Jahre, bis ich wieder mit dieser Technik zu spielen begann. Auf Flohmärkten kaufte ich alte GEOs und zerlegte sie, bastelte neue Illusionen und experimentierte mit unterschiedlichen Methoden und Klebstoffen. Die Formate wuchsen. Wo ich mich vorher nur auf DIN A3 beschränkt hatte, wurden meine Bilder nun teilweise doppelt so groß. Ich kaufte von meinem bescheidenen Einkommen Rahmen und Mappen und so sind mit der Hilfe von Freunden viele dieser Werke noch da.
Danke Peter.
Die Pausen zwischen den einzelnen Schaffensphasen wurden kleiner und irgendwann wechselte ich von den handelsüblichen Klebestiften zu dickem Kleister. Auch damit werden meine Bilder nicht perfekt. Je nachdem aus welchem Jahrgang ein Magazin stammt, hat es eine andere Qualität. Das Papier ist mal dicker, mal dünner. Es reagiert anders auf den Kleber, reißt oder bildet nach dem trocknen Blasen. Auf manchen Fotos kann man diese Makel erkennen.
Als mir dann eine Freundin zehn Jahrgänge GEOs von einem Flohmarkt mitbrachte, schuf ich mir ein ganzes Archiv an Schnipseln. Wochen lang zerlegte ich die Magazin, sortierte sie und schnitt fleißig vor mich hin. Ordner füllten sich mit Hintergründen und Seitenteilen, die nur eine Schnittkante hatten, Ecken mit zwei Schnittkanten und großen und kleinen Teilen, die rundum beschnitten waren.
Magazinseiten sind nur circa DIN A4 groß, wenn man sie herausgetrennt hat und auch Doppelseiten haben jeweils vier harte Kanten, die nach dem überkleben als Schatten sichtbar bleiben. Manchmal mehr, manchmal weniger. Um diesen Effekt zu reduzieren, fing ich an die Ränder der Hintergründe zu reißen. Unser Gehirn ist ja darauf trainiert geometrische Formen wahrzunehmen und lässt sich mit dieser Maßnahme täuschen. Trotzdem kann man bei den Originalen noch immer erkennen, wo etwas überklebt wurde.
Auch ich nutze seit einem Vierteljahrhundert digitale Bildbearbeitung und man mag sich fragen, warum ich für meine Fotomontagen beim Handwerk geblieben bin. Digital geht das einfacher und schneller. Es gibt dabei keine Klebekanten und Luftblasen. Das Ergebnis ist glatter, die Täuschung nahezu perfekt.
Doch das Handwerk hat gerade wegen seiner Beschränkungen für mich einen ganz besonderen Reiz. Man kann nichts vergrößern, verkleinern oder spiegeln. Man muss nehmen, was da ist und daraus ein Werk komponieren. Das Material selbst gibt die Richtung vor, in der sich ein Bild entwickelt und auch wenn ich eine Idee, ein Thema habe, überrascht mich oft selbst was da unter meinen Händen entsteht.
Trotzdem habe ich beschlossen diese Phase meines Schaffens zu beenden. Altersbedingt. Meine Sehkraft lässt seit Jahren nach und selbst mit Brille sind meine Schnitte nicht mehr genau genug. Außerdem habe ich keinen Platz mehr an den Wänden und auch die Mappen sind voll.
Auch aufhören ist eine Kunst. Genug ist genug und mehr macht es nicht besser.

