Besessenheit

Ich leide manchmal an Besessenheit, obwohl leiden nicht stimmt. Radikale Christen mögen es Dämonen nennen, doch es sind nur Musen. Ich brauche dafür keinen Exorzisten und auch keinen Therapeuten. Ich brauche für sie nur Zeit. Zeit, die man mir Jahre lang nicht gönnen wollte. Damals litt ich, nicht an den Musen, sondern an der Arbeit. Stumpfsinnig produktiv zu sein ist schwierig, wenn die Musen rufen.
Das ist zum Glück vorbei und ich darf folgen, wenn die Musen Besitz von mir ergreifen. Es ist nie eine bewusste Entscheidung, nie mein Wille. Ich kann mich nicht vor ein weißes Blatt setzen und es mit Worten füllen. Die Musen kommen nicht, wenn ich sie rufe. Sie haben einen eigenen Plan.
Deshalb schreibe ich Besessenheit. Ich bin ihr Besitz, nicht sie meiner. Ich bin nur das Werkzeug, durch das sie in der materiellen Welt wirken. Das mag nach Religion klingen oder nach Esoterik. Doch es sind nur Bilder, um die Phasen der Schaffenswut zu erklären.
Es ist mein Unterbewusstsein, das sich erklären will. Ich lese ab und zu, dass große Kunst nur aus großem Leid entsteht. Ob ich für große Kunst genug gelitten habe, kann ich nicht sagen. Ich leide nicht mehr, doch die Musen sind aktiver als in den dunklen Tagen meiner Vergangenheit. Ich brauche kein Leid, um zu spielen.
Ich bin froh darüber von Musen besessen zu sein. Es gibt viel schlimmere Besitzer. Gier oder Zorn zum Beispiel. Besessene sind wir ja alle. Manche sind von Herrschsucht besessen, manche von Geilheit und andere von der Idee einem Gott zu dienen. Wir können unsere Besitzer nicht wählen. Sie entstehen bei der Entwicklung des Gehirns ohne um Erlaubnis zu fragen. Wie und warum ist eins der großen ungelösten Rätsel der Menschheit. Ob eine Antwort uns eine Wahlmöglichkeit schenkt ist zweifelhaft.
Ich muss nicht wählen. Ich bin glücklich mit meinen Besitzern. Du auch?