Unheilig

Mir ist nichts heilig, nichts unantastbar. Alles wandelt sich, erodiert, auch die Pyramiden. Etwas für die Ewigkeit bewahren zu wollen gehört für mich zu den großen Wahnvorstellungen der Menschheit. Kunstförderung wird dazu genutzt alte Meister wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu restaurieren. Wozu? Unabhängig davon, ob das gelingt, hält das nicht sehr lange. Man kann Kunst nicht konservieren.
Alte Zöpfe zu bewahren gehört zu den Verhaltensweisen, die ich auch mit Mühe nicht nachvollziehen kann. Das haben wir schon immer so gemacht gehört für mich zu den übelsten Sätzen der Gesellschaft. Ich verstehe diese geistige Haltung nicht. Verstehe nicht, warum sich Menschen so sehr an der Vergangenheit festhalten, sich selbst als Erbe ihrer Ahnen definieren.
Jeder Mensch ist neu, eine aus der Mischung vorhandener Gene vorher nie dagewesene Variation. Ein Mensch ist keine Wiederholung. Warum soll er dann die Lebensweise vorheriger Generationen wiederholen? Es gelingt ja sowieso nicht. Die Gesellschaft verändert sich, egal wie sehr sie versucht die Vergangenheit zu wiederholen.
Es gibt bewährte Verhaltensweisen, an denen man sich orientieren kann. Doch man muss sie nicht kopieren. Man kann sie als Fundament nutzen, um daraus neue Muster zu schaffen. Nur weil etwas lange funktioniert hat, bedeutet das nicht, dass es die beste Möglichkeit sein Leben zu gestalten ist. Im Gegenteil. Viele alte Zöpfe wiederholen nur altes Leid.
Der heilige Bund der Ehe ist so ein alter Zopf. Vielleicht waren Treue und Monogamie vor zehntausend Jahren die beste Methode sich vor Tripper zu schützen. Doch Treue widerspricht der menschlichen Natur. In ihr lauert die Gefahr der Inzucht, der Reduzierung der genetischen Vielfalt. Erbgut möglichst weit zu verteilen ist unser biologisches Erbe. Jahrtausende der entgegengesetzten Verhaltensweise haben daran nichts geändert.
Wahrscheinlich ist es der Wunsch nach Sicherheit, nach geistiger Stabilität, die Menschen dazu treibt bekannte Muster zu wiederholen, immer wieder die alten Lieder zu singen, die alten Gebete zu murmeln, die alten Bräuche zu feiern und dafür auch Fakten zu leugnen. Manche Menschen scheinen Angst davor zu haben von einer runden Welt herunter zu fallen. Ihre Welt muss eine Scheibe bleiben.
Die Jugend rebelliert. Dieser Satz scheint so alt wie die Menschheit zu sein. Ebenso die Rückkehr zur traditionellen Lebensweise nach einer oft nur kurzen Rebellion. Wo ist die freie Liebe der Hippies? Wie viele aus dieser Generation leben noch nach dieser Idee?
Vielleicht ist das Ende der Rebellion, die Anpassung an das System, das berühmte erwachsen werden. Vielleicht ist es für die Mehrheit bequemer sich mit dem existierenden Gesellschaftssystem zu arrangieren, als den eigenen Weg weiter zu gehen. Ich weiß es nicht. Ich bin nie erwachsen geworden, auch wenn ich seit Jahren sesshaft und gesetzestreu bin.
Doch das ist für mich kein Dogma, kein Heiligtum. Die Möglichkeit der Veränderung ist ständig in meinem Bewusstsein. Sicherheit finde ich nur in mir selbst, nicht in den Umständen, in denen ich lebe. Alle Versuche Sicherheit im außen zu schaffen sind gescheitert. Vielleicht bin ich genau deshalb nicht bereit etwas als heilig zu betrachten.
Das gilt auch für mein eigenes Werk. Auch meine Kunst ist nicht heilig. Ein altes Werk aus der Schublade zu nehmen und zu verändern ist für mich kein Sakrileg, sondern Normalität. Genau das werde ich jetzt auch wieder tun und ein paar Tilesets überarbeiten.