Nachbarn

Ich bin freundlich zu meinen Nachbarn.
Es macht keinen Sinn unfreundlich zu ihnen zu sein.
Kann man diesen beiden ersten Sätzen schon entnehmen, dass mein Gehirn anders funktioniert? Ich habe mich schon als Kind für einen Alien gehalten, weil mir die Art, wie Menschen leben, seltsam vorkam. Egal in welcher Gruppe ich mich aufhielt und wie sehr ich das seltsame Verhalten immitierte: ich blieb ein Fremder.
Es hat Jahrzehnte gedauert den Grund zu finden: Mein Gehirn funktioniert anders. Ich verstehe Familie nicht, oder Ahnenkult. Ich verstehe Glauben nicht. Oder Aberglauben. Ich habe Bindung an andere Menschen versucht und neben etwas Freude viel Schmerz dabei erfahren. Emotional.
Geblieben sind Erfahrungen und Erkenntnisse. Die wichtigste davon: Ich bin allein. Nur ein Teil der Biomasse, der für eine Weile ein Bewusstsein entwickelt, um es dann im Materiewandler wieder zu verlieren. Wie viel davon der Biomasse erhalten bleibt erdenken zu wollen, führt nur ins Reich der religiösen Spekulationen. Ich bin nicht unsterblich. Mich gibt es nur hier und jetzt. Etwas anderes zu glauben würde mich hier und jetzt bedeutungslos machen. Was nicht bedeutet, dass ich wichtig bin. Noch so etwas, dass ich nicht verstehe: der Wunsch wichtig zu sein.
Ich schaffe Dinge, Worte, Daten. Doch nicht, um wichtig zu sein oder zu werden. Ich folge Impulsen, deren Ursprung ich nicht kenne. Zwei Zeilen eines Gedichts erscheinen in meinen Gedanken und manchmal schreibe ich sie auf und mache ein Lied daraus.
Auch dieser Text folgt so einem Impuls. Vor einigen Tagen stand ein Rettungswagen vor einem Nachbarhaus. Ich weiß, dass dort Menschen leben und einige erkenne ich auf der Strasse. Fremde werden sie für mich immer bleiben. Einige Fremde werden Freunde und bleiben trotzdem Fremde. Mit manchen Fremden kann man zusammen musizieren oder spielen. Mit manchen reden. Manchen zuhören. Ich habe auch beim besten Lehrer nur gelernt, was ich lernen wollte. Glauben gehörte nicht dazu. In einer Welt voller Lügen ist Glauben gefährlich. Man kann sich geistig darin verlieren.
Zurück zum Impuls. Der Rettungswagen vor dem Nachbarhaus. Ich weiß nicht zu wem die Hilfe kam. Ich wurde nicht gebraucht. Es interessiert mich nicht, was wem passiert ist. Es passiert ständig irgend jemand etwas und manchmal auch mir. Das ist Leben. Nichts besonderes.