Hochbegabt

Ja, ich habe den Mensatest ohne Vorbereitung und trotz Störenfrieden auf Anhieb bestanden. Und es hat mir geholfen den Graben zwischen mir und meinem sozialen Umfeld besser zu verstehen. Obwohl es nicht der IQ ist, der für diesen Graben verantwortlich ist, sondern die mit dieser „Begabung“ verbundene Form des Autismus. Ich fühle mich an einem Mensastammtisch genauso fehl am Platz wie bei einer Versammlung der Kaninchenzüchter oder Briefmarkensammler.
Ich gehöre nicht dazu. Nirgendwo. Ich besitze zwar die Möglichkeit mich unauffällig in sozialen Blasen zu bewegen. Doch das Gefühl Teil einer Gruppe, Mitglied eines Rudels, einer Familie zu sein verschwindet relativ schnell und der Graben reißt wieder auf. Ich bin sozial gescheitert.
Es gibt Menschen, denen ich mich näher fühle als anderen. Da bin ich so wie alle. Ich sitze lieber bei einem Punk am Straßenrand als an einem bürgerlichen Stammtisch in der Kneipe. In der Kneipe meiner Mutter war mit letzteres sogar verboten. Ich war geschäftsschädigend.
In meiner Jugend und dem sozialen Umfeld, in dem ich aufwuchs, gab es noch keine Schulsozialarbeiter oder psyschologische Betreuung. Ich galt einfach als klug und faul, ein Urteil, das zu bestätigen mir nicht schwer fiel. Ich sah meine Eltern, meine Mitschüler, die Gäste in der Kneipe und verstand nicht, warum sie so lebten. Sich so von ihrer Zukunftsangst oder Karriereträumen beherrschen ließen, statt jetzt das Leben zu genießen.
So kam, was kommen musste. Ohne Abschluss flog ich von der Schule und musste etwas anderes machen. Wahrscheinlich war es der Wunsch mir die Anerkennung meiner Mutter zu verdienen, der mich dann auf die glorreiche Idee brachte eine Ausbildung zum Koch zu beginnen. Warum auch immer, es war eine gute Idee. Ich durfte mit vierzehn Jahren die strenge Obhut meiner Eltern verlassen und im Ausbildungsbetrieb wohnen. Es war anstrengend und konfliktreich. Doch irgendwie hielt ich durch und hatte mit siebzehn Jahren einen Gesellenbrief in der Tasche.
Natürlich löste der nicht meine Probleme. Im Gegenteil. Drei Jahre im Hamsterrad der Arbeitswelt hatten meinen Widerwillen gegen diese Art zu leben noch verstärkt, auch wenn es mir damals noch nicht bewusst war. Ich arbeitete meist nur ein paar Wochen in einem Betrieb und verschwand dann plötzlich für Tage, ohne mich hinterher erinnern zu können, wo ich gewesen war. Am Vater Rhein sitzend kehrte irgendwann das Bewusstsein zurück und ich war einmal mehr gescheitert.
So wie im Berufsleben scheiterte ich auch in zahlreichen Beziehungen, die ich trotz meiner Andersartigkeit erleben durfte. Ich fühle noch immer Liebe, wenn ich mich an diese Menschen erinnere, doch verbunden bin ich niemandem. Auch meinen Eltern und Geschwistern nicht und auch nicht meinen Kindern. Sie waren eine Zeit lang Teil meines Lebens, doch jetzt sind sie nicht mehr da und auch wenn Trennungen für mich immer sehr schmerzhaft waren, waren sie auch endgültig.
Es gibt für die Vergangenheit keine Wiederbelebung.
Im Hier und Jetzt zu leben scheint für die meisten Menschen schwierig zu sein. Für mich war das immer normal. Auch wenn ich wie jetzt über meine Vergangenheit schreibe, versuche ich nicht mich hinein zu versetzen, sondern nur Erinnerungen in Worte zu fassen. Ich sitze jetzt vor dem Bildschirm und schreibe. Mein Gehirn interpretiert Vergangenheit und manipuliert Formulierungen, schwebt in fernen Sphären. Doch ich bin hier.
Ob das mit meiner Hochbegabung zusammenhängt oder meinem Autismus ist nicht wirklich von Bedeutung. Für mich ist das der Normalzustand. Man kann mich als gescheiterte Existenz betrachten und lange Zeit habe ich mich auch wie eine verhalten, landete im Suff und in der Gosse. Den Alkohol habe ich hinter mir gelassen. Doch die Gosse steckt noch immer in mir. Ich kann mir schöne Worte ausdenken und scheinbar vom hohen Ross herab eure Lebensweise kritisieren. Doch ich bin und bleibe ein Gammler, Nichtsnutz, Tagedieb. Daran ändert auch eine Hochbegabung nichts. Die hilft nur beim schreiben.