Kommunismus

Ich werde immer wieder und oft heftig kritisiert, wenn ich mich selbst als Kommunist bezeichne und ich muss meinen Kritikern in einem Punkt Recht geben: Ein Staat kann nicht kommunistisch sein.
Doch eine Gesellschaft kann es. Das mag angesichts der herrschenden Verhältnisse wie eine Utopie klingen. Doch ich durfte selbst erleben, dass eine andere Art miteinander zu leben nicht nur möglich sondern besser ist. Noch gibt es eine Menge alter Zöpfe, die mit Klauen und Zähnen oder besser gesagt mit Propaganda von den Reichen verteidigt wird. Was mich nicht wundert. Wer Jahrhunderte lang von der Ausbeutung der Mehrheit profitiert hat will seine Privilegien nur ungern abgeben.
Die Propaganda verspricht ja immer noch Wohlstand für alle, obwohl mittlerweile jeder sehen kann, dass dieses Versprechen eine Lüge ist. Der Wohlstand ist nicht nur global betrachtet ungerecht verteilt. Nach dem Krieg haben zwar Wiederaufbau und weltweite Lieferketten, verbunden mit einem rasanten Wachstum der Innovationen, erst einmal dazu geführt die Armut global zu reduzieren. Doch noch immer verhungern Kinder, während andererseits immer größerer Reichtum angehäuft wird.
Was ist Wohlstand? Schränke voller Plunder machen nicht glücklich. Etwas zu kaufen aktiviert zwar die Glückshormone. Doch deren Wirkung verfliegt schnell. Seine Reichtümer dem Nachbarn zu präsentieren ist nur der jämmerliche Versuch bedeutend sein zu wollen. Doch bedeutend ist nicht, wer viel besitzt, sondern jener der richtig handelt. So wie Helmut Schmidt 1962.
In kleinerem Rahmen ist jeder für die Menschen bedeutend, die ihn umgeben, in positivem wie im negativen Sinn. Jeder handelt und spricht, hat Einfluss auf die Menschen denen er begegnet. Durch Reichtum wird diese Art der Bedeutung durch das damit verbundene Machtgefälle nur verändert, nicht vergrößert. Das Machtgefälle führt dazu, dass Menschen sich nicht mehr auf Augenhöhe begegnen, was sie eher unglücklich macht.
Was ist Wohlstand? Ich lebte im Luxus und in der Gosse. Wohlstand ist ein warmes Bett, Strom und fließendes Wasser, genug zu essen. Ein wenig Geld in der Tasche, wobei ein wenig Geld für jeden eine andere Bedeutung haben wird. Wohlstand ist es von Menschen umgeben zu sein, denen man auf Augenhöhe begegnen kann. Auch wenn die Augen in unterschiedlicher Höhe sind. Nicht jeder trägt den Kopf erhoben.
Vieles was wir gelernt haben als Wohlstand zu betrachten ist nur Plunder, aufgesammelt auf der Straße des Lebens. Nichts davon ersetzt die Zeit, die man freudlos damit verbrachte das Geld zu erwirtschaften, um den Plunder zu kaufen. Dagegen ist Zeit der wahre Wohlstand. Es muss keine Freizeit sein, es muss erfüllte Zeit sein, Zeit voll Freude. Zeit ist das Einzige, was wir besitzen und keiner weiß, wie viel er davon hat.
Noch rennen wir dem Geld hinterher und versuchen mit Konsum das Loch in unserem Inneren zu stopfen, das die vergeudete Zeit hinterlassen hat. Und immer schneller dreht sich das Hamsterrad und immer größer wird das Loch. Depressionen sind zur Volkskrankheit geworden.
Das kann nicht immer so weiter gehen, auch Wirtschaftswachstum ist nicht unendlich. Und es wird immer deutlicher welchen Preis die Menschheit für die Anbetung der Gier zahlen muss. Dem Planet ist der Klimawandel egal und massenhaftes Artensterben hat es schon immer gegeben. Doch wenn der Mensch nicht in wenigen Jahrtausenden oder sogar nur Jahrhunderten zu diesen ausgestorbenen Arten zählen will, muss er seine Lebensweise ändern und zwar radikal. Nachhaltigkeit, Klimawandel und Artenschutz sind nicht einfach Diskussionsthemen in den Medien. Diese Probleme für einen wackligen Status Quo zu ignorieren wird nicht mehr lange gut gehen, egal wie sehr konservative Kräfte diesen auch verteidigen. Gebete werden nicht helfen, kein Gott wird die Menschheit retten.
Wir müssen also selbst eine Lösung für die selbst geschaffenen Probleme finden und dabei nicht nur unser Wirtschaftssystem hinterfragen, sondern die Basis unsres Zusammenlebens. Ich möchte nicht behaupten die einzig mögliche Lösung gefunden zu haben. Ich bin kein Guru, kein Prophet. Doch ich habe aufgrund meiner sozialen Behinderung die Möglichkeit diese Gesellschaft von außen zu betrachten. Ich habe in den Jahrzehnten meines jetzt doch schon recht langen Lebens viele Veränderungen der Normen und Verhaltensweisen miterlebt und auch wenn die Prüderie eine neue Blüte erlebt, gehörte die Befreiung der Sexualität zu den wichtigsten. Die Ehe hat an Bedeutung verloren. Familie ist keine Zwangsgemeinschaft mehr, die man einmal dort hinein geboren nicht mehr verlassen kann. Noch sind die Nebenwirkungen dieser Veränderung für viele Menschen und wie so oft besonders Frauen schmerzhaft. Kinderarmut sollte es in einem reichen Land nicht geben. Doch es gibt sie und es sind genau diese Nebenwirkungen, die mir den Makel der bürgerlichen Lebensweise deutlich zeigen.
Die Ehe beruht ja auf der seltsamen Idee, dass ein Ehemann und Vater nur für die eigenen Kinder verantwortlich ist. Wobei der Begriff eigene Kinder irreführend ist, denn eigene Kinder sind juristisch alle Kinder, die von der Ehefrau geboren werden, egal wer sie gezeugt hat. Dieser Grundgedanke ist tief in unsrer Gesellschaft verankert und wird selten hinterfragt. Doch genau dieser Grundgedanke ist die Basis der sozialen Probleme, an der menschliche Gesellschaften seit Jahrhunderten leiden.
Nehmen wir einmal an Männer wären nicht für einige wenige, sondern für alle Kinder verantwortlich, müssten ihre Fähigkeiten und insbesondere ihr Einkommen für das Wohlergehen aller Kinder einsetzen, gäbe es keine Kinderarmut. In diesem Fall gäbe es auch keine Millionenerben, keine Privatschulen, keine Unterhaltsstreitigkeiten.
Das mag utopisch klingen und insbesondere die Hüter des Patriarchats, die Religionen werden sich mit allen Mitteln gegen so eine Lebensweise wehren. Die Ehe ist ja das Fundament ihrer Macht.
Doch ich weiß, dass es möglich ist so zu leben, habe es selbst getan. Für mich gab es nie einen Unterschied zwischen eigenen und fremden Kindern. Ich mag nicht besonders gut darin gewesen sein mich um sie zu kümmern. Doch einen Unterschied habe ich nie gemacht. Der Unterschied existiert nur im Weltbild, in der Art und Weise Kinder zu betrachten. Mein Kind und dein Kind ist ein Denkfehler.
Kehren wir zurück zu der am Anfang erwähnten anderen Lebensweise. Ich durfte mich vor etwa vierzig Jahren als Mitglied einer Kommune erleben, auch wenn ich aufgrund meines Autismus emotional nie ein Teil der Gemeinschaft war. Doch ich gehörte dazu, arbeitete und lachte mit der Gruppe und diese Zeit gehört zu den wenigen, in denen meine Arbeit Sinn und Freude bereitete.
Wir hatten einen deutlich höheren Personalschlüssel als andere Betriebe, denn auch waschen, putzen und die Betreuung der Kinder wurde von Personal geleistet. Wir waren alle Personal. Und entschieden gemeinsam wer wofür verantwortlich war. Ich war es für die Küche.
Gastronomie ist ein personalintensives Gewerbe und gemietetes Personal ist trotz der kargen Löhne teuer. Wir hatten kein gemietetes Personal. Wir hatten uns. Genug Personal, um für jeden Ansturm gerüstet zu sein. Genug Personal, um niemand zu überfordern. Genug Personal, um bei der Arbeit miteinander lachen zu können.
Wir waren nicht reich, wir hatten ein gutes Leben. Bei uns lebte eine Sechzehnjährige, sie selbst entschieden hatte bei uns zu leben statt mit ihren Eltern in eine andere Stadt umzuziehen und die Schule wechseln zu müssen. Wir waren eine offene Gemeinschaft, Menschen kamen und gingen, die Freude blieb.
Auch ich ging irgendwann, von meinen Dämonen* getrieben stolperte ich zu jener Zeit noch blind durchs Leben. Doch die Erinnerung an jene Zeit ist, wenn auch nur noch als kleiner Datensatz greifbar, für mich immer noch die beste Variante für das Zusammenleben von Menschen, ähnlich der ursprünglichen Großfamilie, die heute nur noch als Clan bezeichnet negativ betrachtet wird. Doch ohne die Zwangsmitgliedschaft, freiwillig und frei zu gehen.
Deshalb nenne ich mich Kommunist. Ich denke die Kommune ist lebenswerter als die Mietskaserne, in der die Menschen nur nebeneinander, übereinander, untereinander aber nicht miteinander leben. Ich denke, es ist besser mit Freunden statt mit Kollegen zu arbeiten. Ich denke, dass Hausarbeit ebenso wertvoll ist wie ein Dach zu decken.
Ich habe keine fertige Lösung für die gesellschaftlichen Probleme. Das größte Problem steckt in den Köpfen der Menschen, in ihren Weltbildern. Von meinem habe ich euch hier erzählt.

* Ersetze den Ausdruck Dämonen durch Traumata, wenn du keine Dämonen kennst.