Musenlos

Es tut weh nicht mehr gebraucht zu werden. Vor allem dann, wenn man Jahrtausende lang mit Freude Tag für Tag zur Arbeit gegangen war. Doch Musen sind überflüssig geworden. Kreativität ist gefragt. Doch es muss ordentliche Kreativität sein, weichgespült und kantenfrei, zielgruppenkompatibel und werbewirksam. Die radikale Kreativität der Kunst stört nur den Konsum und noch nicht einmal romantische Pornoseiten haben einen Bedarf für Musenküsse.
So bleibt auch der Muse nur der Gang zum Jobcenter. Eine Nummer ziehen und warten. Das gefällt der Muse. Nichts zu tun ist ihr größtes Talent. Sie ist eine Meisterin des Müßiggangs. Als Muse musste sie nie etwas tun, nur da sein und von Zeit zu Zeit einen Künstler küssen.
Oder zwei. Oder drei.
Auch die schönste lange Weile endet, die Musennummer wird aufgerufen. Ein sichtbar langjähriger Sachbearbeiter der Losverwaltung stellt die üblichen Fragen.
«Was haben sie denn bisher gemacht?»
«Ich war Inspiration für Dichter und Denker.»
«Und was genau haben sie dabei getan?»
«Nichts. Es hat gereicht einfach da zu sein.»
«Sie haben also keine zertifizierte Ausbildung. Das ist aber nicht schlimm. Wir haben auch Arbeit für unqualifizierte Hilfstrottel. Schröder sei Dank. Ich hätte hier eine Vollzeitstelle im Supermarkt,
Regale auffüllen.»
«Ich bin leider ein ätherisches Wesen. Für körperliche Arbeit bin ich mangels Körper ungeeignet.»
«Hm, ja. Jetzt, wo sie es erwähnen. Etwas substanzlos scheinen sie tatsächlich zu sein. Um ganz sicher zu gehen, werden wir den amtsärztlichen Dienst einschalten. Der erstellt dann ein Gutachten.
Haben sie sonst noch gesundheitliche Einschränkungen?»
«Ich war noch nie krank. Auch für Krankheiten braucht man einen Körper, selbst für psychische.»
«Sie können also alles tun, wozu man keinen Körper braucht.»
«Theoretisch ja.»
«Was soll das denn nun schon wieder heißen. Können sie oder können sie nicht?»
«Ich kann auch geistig nur das tun, wozu mein Geist fähig ist. Ich kann also keine stumpfsinnige Tätigkeit ausüben, weil ich keinen Stumpfsinn besitze. Aber küssen kann ich gut.»
Ihren Worten Taten folgen lassend beugt sie sich über den Schreibtisch und küsst den armen, unvorbereiteten Sachbearbeiter auf die sich oberhalb der Brille ausdehnende Haarlosigkeit. Mit fatalen Folgen.
Zwei Wochen später. Lächelnd räkelt sich die Muse auf dem Sofa und lauscht dem melodischen Klappern der Tastaturanschläge. Keine Aktennotiz ergießt sich dort ins Datennetz, sondern ein kleines Gedicht. Doch für die Muse ist es ein großes Werk. Sie hat einen Bürokraten bekehrt.