Wir nennen es noch immer Erziehung, doch ich halte den Begriff Programmierung für weitaus treffender, denn egal welche Qualität Erziehung hat und wie gezielt sie eingesetzt wird: in jedem Gehirn entstehen andere Programme, die unser Verhalten steuern. Jedes Gehirn schreibt diese Programme selbst, entscheidet aufgrund bereits vorhandener Daten darüber, ob und wie eingehende Informationen verarbeitet werden.
Noch wissen wir nicht wie unser Gehirn das macht und welchen Einfluss die Hardware, also die materielle Struktur des Gehirns und genetische Komponenten auf die von außen eingehenden Impulse haben. Doch schon geringe Änderungen dieser Voraussetzungen können große Auswirkungen auf entstehende Programme haben.
Ob ein Erlebnis traumatische Folgen haben wird oder nicht kann schon dort seinen Ursprung haben. Ob ein Kind durch Prügel einen gehorsamen oder rebellischen Charakter entwickelt ist von vielen Faktoren abhängig, von denen einige angeboren zu sein scheinen.
Unabsehbare Nebenwirkungen werden die Prügel auf jeden Fall haben. Ich kann ein Lied davon singen, oder lieber nicht. Das Programm „singen“ wurde in meiner Kindheit nachhaltig beschädigt. Und nicht nur das. Ich habe Verhaltensstörungen und Denkmuster entwickelt, die nicht zu dem sozialen Umfeld passen, in dem meine Programmierungen geschrieben wurden. Wobei sich das nicht mit absoluter Gewissheit sagen lässt, denn es waren daran ja Menschen und Ereignisse beteiligt, an die sich niemand mehr erinnern kann. Am wenigsten ich selbst.
Meine Kindheit ist ein schwarzes Loch mit ein paar grauen Flecken. Ein paar verschwommene Bilder und ein verdrehtes Betriebssystem ist alles, was mir aus den ersten Lebensjahren geblieben ist. Erzählungen ersetzen keine eigenen Erinnerungen, so falsch diese auch sein mögen. Doch aus ihnen weiß ich, dass mehr Menschen als die übliche Kleinfamilie an meinen Programmen beteiligt waren.
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Arbeitskollegen meines Vaters, oder besser gesagt an seinen Namen: Onkel Mustafa. Wer so einen Onkel hat wird keinen Rassismus entwickeln. Es sei denn es war ein böser Onkel. Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen woher die Idee stammt Türken seien schlechtere Menschen als Deutsche. Arschlöcher gibt es überall.
Wie bereits erwähnt sind mir nur wenige Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit geblieben und ich traue ihnen nicht. Zu heftig war das Trauma, das ich kurz nach meiner Einschulung erlebte. Ich wurde von der eigenen Mutter aus der sozialen Wärme einer großen Sippe mit Oma, Opa, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinnen auf einen Aussiedlerhof verschleppt und auch wenn ich einen Bruder hatte und der Vater irgendwo auf einem Traktor saß, fühlte ich mich von da an verlassen und allein.
Vielleicht ist mein Autismus also nicht angeboren, sondern ein durch dieses Erlebnis erzeugter Programmierfehler. Wobei ich mich nicht als fehlerhafter als meine Nachbarn betrachte, sondern nur als anders. Warum und wodurch ich anders bin zu ergründen, statt diesen Unterschied einfach zu akzeptieren, hat mich viel Zeit gekostet. Zum Glück ist mir die Akzeptanz dann doch irgendwann gelungen.
Nebeneffekt meiner sozialen Behinderung und der Suche nach der Ursache ist, dass ich heute die Denkweisen und Verhaltensmuster der Menschen als Programme betrachten kann. Zum Glück fehlt mir der Wunsch Menschen zu manipulieren. Wie so mancher andere Wunsch auch.
Ich habe kein Interesse an Geld und Ruhm, sorge mich nicht um meinen Ruf. Wie jeder Mensch trage ich eine Maske, habe eine eigene Art mich zu kleiden und zu bewegen, begegne Menschen auf meine Weise. Doch ich kann damit spielen, habe durch das Leben in unterschiedlichen sozialen Blasen gelernt in unterschiedlichen Rollen aufzutreten. Manchmal habe ich einen Bart, manchmal nicht. Doch egal wie ich mich verkleide und verhalte, im Kern bleibe ich unverändert. Im Kern laufe ich immer noch durch die Welt und frage mich, wo mein Rudel ist.
Es gibt Menschen, denen ich mich nackt und unverkleidet zeigen kann. Doch ich fürchte die Menschen, habe zu früh lernen müssen, was sie mir antun können. Ich habe Angst vor Folter, Angst vor Gewalt und trete deshalb oft selbst als gewaltbereite Erscheinung auf. Eine Hundephobie konnte ich durch Konfrontation überwinden, bei Menschen ist mir das nicht gelungen.
Mit zunehmendem Alter wird es natürlich immer schwieriger das Bild des unbesiegbaren Kämpfers auf die Bühne der Gesellschaft zu bringen. Die Glaubwürdigkeit dieser Rolle schwindet, vor allem bei mir selbst. Das ist einer meiner Gründe dafür das pulsierende Leben der Städte zu verlassen und meine Tage in der Abgeschiedenheit des hessischen Outbacks zu verbringen. Die Menschen sind hier weniger wütend.
Manchmal vermisse ich die Stadt. Keine bestimmte. Ich war immer ein Wanderer, ein moderner Nomade, der von Stadt zu Stadt zog. Heimat ist für mich ein Wort ohne Bedeutung, so wie Vaterland oder Gott. Einige Programme der bürgerlichen Gesellschaft bleiben mir fremd, egal wie lange ich sie betrachte.
Spaziergänge durch unbekannte Straßen, die Erkundung fremder Städte war für mich immer eine gute Zeit, selbst wenn ich zwanzig Kilo Gepäck mit mir herum schleppen musste. Es war nicht Neugier, sondern Freude am Neuen, die solche Wanderungen zu Glücksmomenten machte. Das Gefühl gab es zwar auch manchmal bei einer Wanderung durch den Wald, doch nach einer Weile sehen alle Bäume gleich aus. Das mag daran liegen, dass die Wälder nur noch Holzfelder sind. Ich wandere lieber durch Städte. Auch durch häßliche.
Gehören die über mich geschilderten Verhaltensweisen noch ins Spektrum der Normalität, oder muss man mich bei den Verrückten einsortieren? Es macht keinen großen Unterschied.
Ob normal oder verrückt, wir folgen alle nur unseren Programmen.
Auch du.

