Ist das Kunst

oder kann das weg? Die Antwort auf diesen altbekannten Scherz überlasse ich der von mir so oft kritisierten Gesellschaft. Ich habe keine Lust mehr ein Museum zu suchen, das mein Gesamtwerk geschenkt haben will. Ob sich nach meinem Tod jemand daran bereichert oder es in einem Container einer Entrümpelungsfirma landet, ist für den dann verrottenden Kadaver auf dem Totenacker bedeutungslos.
Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe Jahre lang meine Bilder ohne eigenes Fahrzeug zu Ausstellungen geschleppt. Ich habe sogar ein paar Bilder verkauft, doch ich bin nie Mitglied des elitären Zirkels geworden, der mit seinen Werken Millionen verdient. Der Kunstmarkt war und bleibt mir verschlossen. Um an diesem Zirkus teilnehmen zu können, fehlt mir nicht nur die soziale Kompetenz, sondern auch der Wille mich Stunden oder Tage lang mit den Menschen in dieser seltsamen Blase zu beschäftigen.
Möglicherweise gibt es berechtigte Erben. Ich habe in meiner Jugend auch einige Kinder gezeugt und weiß nicht einmal, wie viele es sind. Von denen, deren Existenz mir bekannt ist, kenne ich weder den Aufenthaltsort, noch weiß ich, ob diese Existenz nicht schon ein Ende hat. Vaterschaft hat für mich wie so viele Normen der Gesellschaft keine Bedeutung. Wenn Menschen aus meinem sozialen Umfeld verschwinden, sind sie weg. Ich kann mit dem Begriff Familie wenig anfangen. Für mich bedeutet Familie hauptsächlich Drama.
Man mag mir deswegen mangelndes Verantwortungsbewusstsein vorwerfen, doch ich bin nur für meine Taten verantwortlich, nicht für eure Normen und Vorstellungen von richtig und falsch. Ich hinterlasse keinen Atommüll, habe mich bemüht meinen Ausstoß an CO² gering zu halten und mich so wenig wie möglich an der Zerstörung der Natur zu beteiligen.
Trotzdem ist auch mein Besitz im Lauf der Jahre ständig gewachsen. Nicht alles davon werdet ihr für wertvoll halten. Meine Möbel bestehen zum großen Teil aus recyceltem Sperrmüll und meine Bibliothek aus Schundliteratur. In meiner Schatztruhe liegen nur Pfennige, meine Kleidung ist alt und teilweise schlecht geflickt. Und die Wände sind übersäht mit Bildern, die sich nur wenige Menschen ins Wohnzimmer hängen würden.
Theoretisch könnte ich jetzt meinen gesamten Besitz entsorgen und mich wieder auf das unbedingt notwenige beschränken. Doch ich bin zu alt, um aus dem Rucksack zu leben, im Schlafsack zu schlafen und in einer Suppenküche zu essen, auch wenn ich das für die größtmögliche Freiheit halte, die ein Mensch in dieser Gesellschaft finden kann. Ich werde also auch den Rest der mir noch bleibenden Lebenszeit umgeben von vielen Dingen verbringen. Was davon Kunst ist und was nicht, dürft ihr entscheiden.