Gedankenkotze

Anders kann das wohl nicht nennen, was ich hier Seite für Seite in die Welt bringe. Ich suche mir ein Thema und kotze meine Gedanken dazu über die Finger in eine Tastatur. Das machen andere Menschen auch. Man hat ein eigenes Wort dafür: Tagebuch.
Doch ich drapiere die Kotze auf einem Template und präsentiere sie euch als Kunst. Ich gebe mir Mühe dabei eine kunstfertige Sprache zu nutzen. Ich kann in solchen Bahnen denken.
Doch es bleibt Gedankenkotze. Kein großer Plan bewegt mich dazu euch meine Worte zu zeigen. Ich will nicht mehr verstanden werden und auch niemand mehr bekehren. Ich will nur die vielen Gedanken, die mich seit Jahren immer wieder belästigen, auskotzen, um so Platz für neue zu schaffen. Die alten kenne ich jetzt gut genug.
Ich habe im Lauf meines Lebens viele Wandlungen in meinen Gedanken beobachten dürfen. Als jugendlicher Rowdy, damals nannte man das noch so, grenzenlose Freiheit zu fordern ist ein vollkommen anderes denken, als meine von vermüllten Wegen inspirierte kritische Haltung der Freiheit gegenüber. Heute bin ich trotzdem mehr Anarchist als damals. Heute halte ich mich an eure Gesetze und brauche dazu weder Polizei noch Richter. Es sind nicht meine Gesetze, doch ich akzeptiere sie als Regelwerk für das Zusammenleben mit euch.
Es gibt Gesetze, die ich nicht akzeptieren würde. Ich lasse mir das kotzen nicht verbieten. Schlimm genug, dass ich dazu nicht meine Sprache nutzen darf und sich trotzdem immer noch Menschen von meiner Wortwahl beleidigt fühlen. Ich halte Beleidigungen für befreiend und wenn ich wieder einmal selbst von einer getroffen werde, betrachte ich die neue Wunde und frage mich, warum es mich immer noch verletzt.
Es sind nur Worte, Gedanken ausgesprochen, akustische Signale. Es ist die Kotze von einem anderen Menschen. Warum verletzt sie mich? Immer noch. Die Erfahrung begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ablehnung war schon immer mein täglich Brot. Manchmal auch Zuneigung, doch die Abneigung überwog. Es sollte nicht mehr weh tun.
Auch ich habe Zuneigungen und Abneigungen. Die entstehen sogar unabhängig von meinem Weltbild, obwohl sie davon unterstützt werden. Doch ich konnte auch schon Zuneigung zu einem Zeugen Jehovas in mir fühlen, obwohl mir nichts ferner liegt als sein Weltbild. Aber sein Wesen war angenehm, auch wenn seine Gedankenkotze seltsam schmeckte.
Auch wenn Gedankenkotze seltsam schmeckt, schaue ich sie mir an. Ich habe ja sehr viel aus der Gedankenkotze anderer Menschen gelernt. Ich wäre selbst nie auf die Idee gekommen einen Kalender zu machen. Ich bin kein Gärtner, ich brauche keinen. Aber durch die Gedankenkotze meiner Lehrer kenne ich ihn. Auch wenn ich oft nicht weiß, welcher Tag und welches Datum zu heute gehört. Ich weiß, wie ich es herausfinden kann. Das habe ich aus fremder Gedankenkotze gelernt.
Weshalb reite ich jetzt schon seit vielen Zeilen auf diesem Wort herum? Weil es mir gefällt. Gedankenkotze klingt toll. Besser als Monolog oder Vortrag. Es erinnert mich daran, dass nichts besonderes an meinen Worten ist. Nur vorgekauter Gedankenbrei, mit dem wir alle unsre Kinder füttern. Man kann darin herumstochern und vielleicht sogar etwas für sich finden. Ob ihr davon naschen wollt, entscheidet ihr selbst.