Sucht

Ich bin süchtig. Ich rauche. Weshalb das so ist, lässt sich leicht erklären. Meine Eltern waren Kettenraucher. Ich bin im Rauch aufgewachsen und Zigaretten lagen überall herum. „Wer wird denn gleich in die Luft gehen, greife lieber zur HB.“ dröhnte es aus dem Fernseher und ich griff zu. Erst nur einzelne Zigaretten, die ich dann heimlich irgendwo draußen paffte. Doch schon mit elf oder zwölf rauchte ich regelmäßig, kaufte mir von meinem Taschengeld eigene Zigaretten.
Das war nicht ungewöhnlich. Alle rauchten. Oder fast alle. Im Fernsehen, in der Kneipe, im Zug. Überall wurde geraucht. Für Nichtraucher gab es geschützte Räume, das Nichtraucherabteil im Zug, ein Abteil gegenüber fünf oder sechs für Raucher. Nichtraucher waren Exoten.
Die Gesellschaft hat sich verändert, die Gefahren des Rauchens sind heute allgemein bekannt. Heute sind Raucher die Exoten. Heute stehe ich mit meiner Selbstgedrehten vor der Haustür. Bei jedem Wetter. Auch ich will nicht mehr in vollgequalmten Räumen sitzen.
Doch aufhören will ich nicht. Ich kann mich mit Disziplin zwingen nicht zu rauchen. Doch das mag mein Gehirn überhaupt nicht. Es schreit und bettelt, jammert und fleht und die Sucht verhindert das denken. Ich drehe am Rad, verliere die Impulskontrolle, werde aggressiv. Doch das ist nicht der Grund dafür, dass ich nicht aufhöre. Ich will nicht aufhören und ich weiß nicht, wie man sich zwingen kann etwas zu wollen.
Beim Alkohol war das anders. Ich habe lange getrunken, oder besser gesagt: gesoffen. Auch dabei war ich in guter oder eher nicht so guter Gesellschaft. In einer Kneipe aufgewachsen und selbst lange in der Gastronomie tätig, gehörte Alkohol zum täglichen Brot.
Mir machte die Droge Menschen erträglicher. Mich dumm zu saufen half mir mich in der Gesellschaft anderer Menschen nicht völlig fehl am Platz zu fühlen, mit zu machen, dabei zu sein. Und nicht nur das. Ich war nicht nur dabei, sondern mittendrin. Vollkommen enthemmt tanzte ich nackt in der Discothek, lachte zu laut, prahlte und pöbelte. Im Suff war ich ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse.
Doch ich fühlte den Graben nicht, der nüchtern deutlich sichtbar zwischen mir und anderen Menschen liegt. Ich kann Brücken darüber bauen, doch zuschütten kann ich ihn nicht. Alkohol füllte den Graben und ich konnte auf dem schwammigen Untergrund zu den Anderen wanken und so tun, als gehörte ich dazu. Bis es irgendwann nicht mehr funktionierte.
Wie bei vielen Drogen lässt der gewünschte Effekt irgendwann nach und man muss die Dosis erhöhen. Das hat mich eine Menge Geld gekostet. Wenn eine Flasche Wein nicht mehr reicht und auch drei Flaschen nicht mehr für einen Vollrausch sorgen, wird saufen teuer. Aus Bier und Wein wurde Schnaps und weil ich ein Snob war, trank ich keinen Fusel. In Frankreich hatte ich eine Vorliebe für Anis entwickelt und es gab ein paar Jahre später einen Moment, an dem in keiner Tankstelle am Ort noch eine Flasche Pernod zu finden war. Ich hatte sie zusammen mit einer Freundin alle geleert.
Es kam der Tag, an dem auch das nicht mehr funktionierte. Der Graben ließ sich nicht mehr füllen, egal wie viel ich trank. Ich trank dann aus Gewohnheit noch eine Weile, doch als mein soziales Umfeld zerbrach und ich allein in der ersten eigenen Wohnung saß, verschwand auch die ohne Spuren zu hinterlassen.
Ich hatte Glück gehabt, keine körperliche Abhängigkeit entwickelt, konnte einfach aufhören zu trinken. Ich wollte nicht mehr trinken und trank nicht mehr. Eine Zeit lang traf ich mich noch mit Freunden und trank dann ein Bier, eins und keins mehr. Doch auch dort wurde der Graben immer breiter und ich verzichtete bald auf die Qual als Fremder unter Freunden zu sitzen. Ich wurde zum Eigenbrötler und bin es bis heute.
Sucht wird ja von manchen Therapeuten gern mit dem Wort Suche in Verbindung gebracht. Ich habe gefunden, was ich suchte. Mich. Auf meiner Seite des Grabens. Deshalb gehe ich jetzt erst mal rauchen.