Auch ich bin divers, neurodivers. Das hat nichts mit meinem Geschlecht zu tun. Obwohl ich seit meiner Kindheit Freundinnen habe und mich in der Gesellschaft von Frauen wohler fühle als in der von Männern, habe ich mich nie als Frau gefühlt. Es gab eine Zeit, in der ich gerne eine gewesen wäre. Reich heiraten und nie mehr zur Arbeit gehen zu müssen schien mir damals wünschenswert zu sein. Zum Glück bin ich ein Mann und diesem Schiksal entgangen. Heute weiß ich, dass auch das nur eine andere Form der Sklaverei ist.
Ich bin neurodivers, körperlich und geistig ein Mann und doch anders als andere Männer. Und auch anders als Frauen. In meiner Jugend glaubte ich ein Alien zu sein, eine fremde Lebensform, die ohne ihre wahre Gestalt zu kennen im Körper eines Menschen gefangen ist. Die Welt ist voll von absurden Erklärungen.
Offiziell leide ich an einer bei Hochbegabten manchmal vorkommenden Form des Autimus. Zum Glück leide ich nicht wirklich daran. Ich leide nicht darunter anders zu sein. Nicht mehr. Zu wissen, was mit mir nicht stimmt, warum ich nicht funktioniere und das stumpfsinnige Hamsterrad der Arbeitswelt nicht ertrage, hat mein Leiden beendet. Teilweise. Der andere Teil war die mit dieser Diagnose verbundene Bestätigung der Arbeitsunfähigkeit. Grundsicherung ist ein Segen. Irland hat sie für Künstler offiziell eingeführt. Eine gute Idee.
Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung als Koch. Wie ich das geschafft habe ist mir immer noch ein Rätsel. Es lag wohl vor allem daran, dass die Alternative zur Fron die Rückkehr ins Elternhaus bedeutet hätte und deshalb das kleinere Übel war. Außerdem macht mir die Zubereitung von Speisen Freude. Ich koche gern.
Mein Problem mit Arbeit sind hauptsächlich die Menschen. Kollegen sind noch schlimmer als Freunde. Der Umgang mit Freundschaften ist mir halbwegs gelungen, obwohl auch da aus den Augen, aus dem Sinn am ehesten meiner Natur entspricht. Kontaktpflege gehört nicht zu meinen Talenten, daran hat auch das Internet nichts verändert.
Doch Kollegen sind die Pest. Freundschaften entstehen aus ähnlichen Interessen, Kollegen hatten die selten. Ich hörte weder die gleiche Musik, noch interessierte ich mich für Autos, zotige Geschichten und schlechte Witze. Wenn man diese Interessen nicht teilte wurde man schnell zum Betriebsdepp degradiert und bekam die unangenehmsten Arbeiten. Wahrscheinlich ist das heute noch so.
Am Schlimmsten war das Gefühl nicht dazu zu gehören, nicht das fünfte Rad am Wagen zu sein, das ja immerhin noch als Ersatzrad dienen soll, sondern die lockere Schraube, die klappernd irgendwas zusammen hält und trotzdem gebraucht wird.
Es war dieses Gefühl, dass mich zur Flasche greifen und schließlich in der Gosse landen lies. Besoffen fühle ich den Graben nicht, der mich nüchtern von den Menschen trennt. Er war noch da, das ist mir heute bewusst. Doch im Vollrausch war er egal, jeder mein Freund und das Gefühl nicht dazu zu gehören für eine Weile verschwunden.
Ich bin seit über zwanzig Jahren trocken, habe keine Kollegen mehr und nur noch wenige Freunde. Ich bin neurodivers und der Umgang mit mir ist für viele Menschen schwierig. So wie umgekehrt auch ich den Umgang mit Menschen schwierig finde.
Ich kann boshaft und beleidigend sein, wenn ich mich in der entsprechenden Stimmung befinde. Ich möchte sie nicht schlecht nennen. Manche Menschen verdienen meine Boshaftigkeit so wie ich die ihre. Ich wollte nie ein guter Mensch sein und misstraue jedem Heiligenschein. Zu oft habe ich gesehen, was unter dem Schein steckt.
Ich bin neurodivers, aber nicht besser als ihr. Wahrscheinlich auch nicht schlechter. Ich habe mit etwas Mühe gelernt eure Gesetze zu befolgen, obwohl es nicht meine sind. Im Falle eines Falles würde ich lieber töten als getötet zu werden, doch ich werde nicht für eine eurer seltsamen Ideen in die Schlacht ziehen. Eure Kriege berühren mich nicht.
Eure Helden auch nicht. Ich hatte nie Vorbilder, nur Lehrer. Und auch bei den Lehrern war es so, dass ich lernte, was ich wollte und nicht immer das, was sie lehrten.
Ich habe kein Idol, bin niemandes Fan. Es gibt Fähigkeiten, die ich bewundere. Doch ich versuche nicht einen Virtuosen zu imitieren oder gar seine Kunstfertigkeit zu überbieten. Ich lebe und lerne nur für mich, nicht für eure Bewunderung.
Ich bin neurodivers. Ich bin anders. Doch warum sollte ich wie ihr sein wollen? Ihr seid ja nicht zufriedener als ich. Nicht glücklicher, obwohl mancher sich vom Glück verwöhnt glaubt. Der eine oder andere mag schöner sein als ich, klüger als ich oder reicher als ich. Doch nichts davon ist für mich erstrebenswert.
„Was wäre wenn“ steht als Überschrift über diesem Blog. Was wäre wenn ihr so denken würdet wie ich? Wir hätten wahrscheinlich weder Computer noch Autos. Wir hätten wohl spielerisch ein paar Werkzeuge entdeckt und würden unsere Umgebung gestalten. Doch ohne Ziel und Zweck, nur aus Freude am Tun.
Wir würden jagen und sammeln, doch nicht jeder für sich allein, getrieben von dem Wunsch mehr als die anderen zu haben. Wir würden teilen. Wir würden nur tun, was notwendig ist. Oder Freude bereitet. Mehr nicht. Vielleicht würden wir ohne die Segnungen der Moderne jünger sterben. Dafür aber glücklich.
Ich bin ja dankbar für die vielen tollen Werkzeuge, die menschlicher Erfindergeist mir zur Verfügung stellt und auch das hohe Alter, das ich durch gute Ernährung und medizinische Versorgung erreichen durfte. Doch der gesellschaftliche Rahmen, in dem ich dieses Leben verbringen musste, erfüllt mich nicht mit Begeisterung. Vielleicht liegt das daran, dass ihr anders seid. Ihr seid nicht wie ich. Ihr seid anders.
Für mich seid ihr divers.

