Religion

Ich wurde wie fast jeder in meiner Generation getauft. Evangelisch. Doch Religion spielte in meiner Kindheit keine große Rolle. Es gab die üblichen aber leeren Rituale, mehr nicht. Meine Mutter hat mich die Gebete gelehrt, doch nicht das beten. Als sie aufhörte mir die Worte vorzusagen, hörte ich auf sie herunter zu leiern.
Unangenehm wurde Religion dann schon in der Grundschule. Das Dorf, in dem ich zur Schule ging, war katholisch. Für mich bedeutete das einmal die Woche nachsitzen. Nachmittags. Mittagessen bei einer unangenehmen Tante. Ein gestohlener Tag. Religionsunterricht wurde so nicht zu meinem Lieblingsfach und das blieb auch so.
Ich las griechische und römische Sagen und die Bibel war für mich auch nur ein Märchenbuch, eine Sammlung seltsamer Geschichten. Wobei die polytheistischen Märchen mir deutlich besser gefielen.
Sehr viel später, mit Anfang zwanzig führte mich die Suche nach einem Sinn dann wieder zu den Religionen. Ich hatte noch mal die Schulbank gedrückt und die Fachschulreife erworben, Hesse und Sartre gelesen, die Welt der Gedanken neu entdeckt. Vorher waren Fantasy und SF meine geistige Welt abseits des bürgerlichen Gedankenbreis gewesen, in dem mein soziales Umfeld existierte. Plötzlich gab es eine neue Welt, die Welt der Philosophie, zu der ich auch die Religionen zähle. Welterklärungen und Denkmodelle, mehr nicht.
In der Stadtbücherei war ich an die Autobiographie eines Yogi geraten, ein faszinierendes Märchenbuch für mich. War all das, was dort beschrieben steht, möglich? Ich weiß es nicht und für mich macht es auch keinen Unterschied. Ich bin kein Yogi, kein Zenmeister und kein Asket. Ich las die Lehrreden des Buddha, ein wenig über den Hinduismus und landete dann bei Osho, der sich damals noch Bhagwan nannte.
Bekannt war er hier durch einen Artikel im Stern geworden. Der Sexguru. Doch was er tatsächlich predigte war noch viel radikaler. Priester und Politiker waren für ihn Betrüger an der Menschheit, Religion ein Lüge und Philosophie Zeitverschwendung. Nur das Leben selbst, in jedem Moment bewusst gelebt, war für ihn von Bedeutung.
Was für eine Befreiung solche Gedanken lesen zu dürfen. Ich muss hier keine langen Abhandlungen über ihn schreiben. Das Internet ist voll von Texten, Bildern und Videos. Es geht hier wie immer nur um mich.
Ich bekam meinen Namen, Arpan und trug sein Bild um den Hals, fühlte mich zum ersten mal anderen Menschen verbunden, Suchende wie ich. Im Gegensatz zu den meisten seiner Schüler wurde ich aber nicht zum Esoteriker. Die Bewegung hatte ja nicht nur den Ruf, sondern auch den Charakter einer Sekte. Für mich war das ein aufregendes Spiel mit der bürgerlichen Gesellschaft, mit Arbeitgebern und ehemaligen Freunden, staatlichen Institutionen und meinen Eltern.
Es mag spirituelle Wege und Techniken geben, die Menschen zum Magier machen, ihm außergewöhnliche Fähigkeiten geben. Es mag Yogis geben, die keine Nahrung brauchen. Es mag Wunderheilungen geben. Doch all das liegt weit jenseits meiner Wirklichkeit. Ich kann auch nicht zum Mond fliegen, obwohl es technisch möglich ist.
Ich spielte mit dem Tarot und dem I Ging und ging zu den Meditationen. Doch all das war nur hübsches Beiwerk. Mit dem Wort Erleuchtung konnte ich nicht viel anfangen. Statt Erleuchtung erlebte ich Erlösung. Ich fühlte mich dazu zu gehörend, war kein einsamer Asteroid mehr, der ohne jede Bindung durchs Weltall trudelt.
Ein paar Jahre lang lebte ich in dieser Parallelwelt nach den dort üblichen Ritualen und Regeln, doch auch diese Welt ist nicht meine. Was mich am Anfang befreite begann mich nun zu fesseln. Ob ich Weihnachten oder Oshos Geburtstag feiern soll, macht für mich keinen Unterschied. Ich mag keine Feiertage, keine Rituale, keine Kalender, keine Uhren.
Was ich aus dieser Zeit mitnahm ist neben vielen Erfahrungen die Idee Religionen im politischen Kontext zu betrachten. Religion ist vor allem ein Machtinstrument, eine geistige Peitsche, mit der Menschenmassen in die gewünschte Richtung getrieben werden. Für einige Menschen mag sie ein Anker sein. Für die meisten ist sie nur ein Korsett, in das man sie als Kind steckte und aus dem sie nie heraus wachsen.
Von allen Ideen, mit denen man versucht hat ein gemeinsames Weltbild zu erzeugen, scheint mir die Religion und insbesondere der Monotheismus die destruktivste zu sein. Selbst die Religion der Nächstenliebe hat nicht verhindert, dass sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen. Im Gegenteil, sie hat selbst einen großen Anteil an den Geschichten von Mord und Vertreibung. Im Namen des barmherzigen Gottes wurden ganze Völker ausgerottet.
Religion mag den Ängstlichen Trost spenden, ist aber immer faschistisch. Die Vertreter der erfundenen Götter auf Erden bestimmen in welcher Weise wir zu leben und zu lieben haben, setzen unsrer Natur ein Dogma vor die Nase und fordern, dass jeder sich daran hält. Wer sich weigert den von oben angeordentenn Hokuspokus mit zu machen wird ausgegrenzt und im schlimmsten Fall gesteinigt.
Auch wenn ich oben geschrieben habe, dass Religion den Ängstlichen Trost spenden kann, tut sie oft das genaue Gegenteil. Mit Drohungen und Schauergeschichten von ewigem Höllenfeuer und Verdammnis sähen Religionen Angst in die Köpfe der Gläubigen und weil niemand frei von Sünde ist, führt diese Propaganda bei vielen zu psychischen Schäden.
Für einen Fehltritt von einem weltlichen Gericht verurteilt und bestraft zu werden ist zwar nicht angenehm. Doch ein Leben lang von einem Richter im eigenen Kopf für eine Jugendsünde mit einer unendlich langen Buße bedroht zu werden ist weitaus gefährlicher für die geistige Stabilität.
Es wird von den Verteidigern des Glaubens immer wieder gern behauptet, dass Religion dem Zusammenhalt der Gesellschaft dient und ein soziales Miteinander erst ermöglicht. Was an den Prunkbauten der Priester sozial sein soll, erklären sie allerdings nicht. Wie die weltlichen Herrscher raffen auch die Diener des Herrn so viel sie können und statt den Reichtum zu teilen, verteilen sie Almosen an die Ärmsten und feiern sich dafür.
Ich halte nicht alle Thesen der Religionen für absurd. Auch die Physik hat ja eine Welt jenseits der Materie entdeckt. Doch ich glaube nicht an Götter, Geister, Engel und Dämonen. Ich glaube noch nicht einmal an eine Seele. Ich glaube daran hier und jetzt zu existieren. Doch auch das mag nur ein Traum verschränkter Quanten sein.