Die Regierung beschimpft gerade die eigenen Wähler, nennt sie faul und fordert mehr Anstrengung. Für mich ist das nicht neu. Mich hat man schon mein ganzes Leben faul genannt. Ich bin nicht faul. Ich verweigere mich nur erfolgreich dem stumpfsinnigen Arbeitsalltag, den ihr Ernst des Lebens nennt und auf den höchsten Sockel der Tugenden stellt.
Ich arbeite nicht, ich spiele und lerne dabei ständig etwas Neues. Momentan lerne ich Referate zu schreiben. Das habe ich in der Schule nicht gelernt. So lange war ich dort nicht. Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich das richtig mache. Wie bei vielen Dingen, die ich gelernt habe.
Man nennt es hochtrabend Autodidakt, wenn jemand ohne Lehrer lernt. Für mich ist nichts besonderes daran. Ich war in vielen Bereichen mein eigener Lehrer. Mit ein paar Lehrern habe ich professionell kochen gelernt, die Grundlagen, das Handwerk. Besser als ich nach der Lehre dachte, nicht gut genug für eine Fernsehshow.
Doch das meiste habe ich durch tun gelernt. Wenn man seine Möbel selbst baut, kann man das irgendwann. Nicht zwangsweise wie ein Schreiner. Es war nie meine Absicht Designermöbel zu machen. Ich nehme, was ich finde und schraube es zusammen, wieder auseinander, wieder zusammen. Meine Möbel haben fast alle Löcher, weil dort früher einmal Schrauben waren. Doch mein Schreibtisch wackelt nicht, mein Bücherregal ist stabil, meine Küche funktioniert. Ich liebe Recycling.
Ich habe mir die Bildbearbeitung mit Gimp selbst beigebracht. Nur für mich, für meine Zwecke. Was Profis damit machen interessiert mich nicht.
Ich habe Gitarre und Bass spielen ohne Lehrer gelernt und diesem Satz steckt sowohl die Methode als auch der Grund. Ich spiele. Ich kann nähen und einen Zweitakter reparieren. Nicht als Arbeit, nur als Spiel.
Ich bin nicht gegen gutes Handwerk, im Gegenteil. Doch ich bin angeblich mit zwei linken Händen gesegnet, habe als Kind an der Laubsäge versagt. Ich kann tatsächlich mit links Holz hacken, musste es lernen oder frieren. Mit links schreiben zu lernen, nachdem ich mir am letzten Ferientag den rechten Arm brach, habe ich einfach verweigert. Die Auswirkungen waren für mich nicht dramatisch. Für meine Eltern schon. Ich musste die Quarta wiederholen. Was für eine Schande.
Auch ich habe ein Handwerk gelernt, den Umgang mit Werkzeug immer wieder geübt. Ich kann professionell mit einem Messer umgehen. Ich kann ein von der Decke hängendes Reh aus seinem Fell schälen, das Fleisch von den Knochen lösen und in handliche Stücke zerteilen. Oder einen Lachs von Gräten befreien.
Aber nur weil ich das gelernt habe den ganzen Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr nur noch immer wieder genau das zu tun, ist das, was ich gern ein Hamsterrad nenne. Das muss doch irgendwann zum Stumpfsinn führen.
Ich wollte nie arbeiten, nicht euer trübsinniges Erwachsendasein leben. Ich wollte schon immer nur spielen, immer wieder ein neues und dann doch wieder ein bekanntes Spiel. An manchen Projekten spiele ich schon seit Jahrzehnten, doch immer nur eine kurze Zeit am Stück. Ich bin gespannt, wie lange ich dieses Spiel mit Worten noch spielen werde.
In meinem Kopf kann ich sie schon schimpfen hören, die Monotheisten mit ihrem perversen Arbeitsethos. Der deutsche Michel ist verblendet von dieser Ideologie, hält den Fleiß für die höchste aller Tugenden und macht so sich selbst zum Sklaven. Egal ob Katholik oder Lutheraner, die Arbeit ist ihnen allen heilig. Sind die alle zu blöd, um zu verstehen was für eine Gesellschaft sie in ihrem Wahn schaffen? Oder haben sie Angst davor zu viel freie Zeit selbst mit Inhalt füllen zu müssen?
Ich vermute, es ist tatsächlich Angst. Angst vor Langeweile. Wer sich vor dem Götzen Arbeit verbeugt, seit seiner Kindheit brav Eltern, Lehrern und den Pfaffen gehorcht und fleißig tut, was man ihm sagt, kann mit Zeit ohne Uhr und Kalender nicht mehr umgehen. Man kann es sogar beobachten. Wer im Urlaub einen Animateur braucht, hat verlernt zu spielen.
Man hat im Namen der Menschenwürde die Arbeitszeit geregelt, Pausen befohlen, Urlaub erfunden. Doch die Idee mit der Zeit von vielen Profit für wenige zu schaffen, wurde nicht einmal ansatzweise in Frage gestellt. Kann außer mir niemand sehen, dass wir immer noch Pyramiden für den Pharao bauen, der gottgleich über unsre Zeit bestimmen darf? Es macht keinen Unterschied, ob man einen Ring aus Eisen um den Hals oder einen Ring aus Ideen im Kopf trägt, Sklave ist Sklave.
Ich gebe zu, dass sich ein gewisses Maß an Tätigkeit für das Überleben nicht vermeiden lässt. Doch acht Stunden lang den Hebel einer Maschine zu bedienen und dafür mit überflüssigem Plunder belohnt zu werden, hat wenig mit der Notwendigkeit sein Futter zu suchen gemeinsam. Politiker drohen mit dem Verlust des Wohlstands. Doch was sie Wohlstand nennen ist grenzenlose Dekadenz. Der Versuch die innere Leere durch ständigen Konsum irgendwie zu füllen, ist kein Wohlstand, sondern Suchtverhalten.
Die Menschen fühlen, dass ihre Art zu leben keinen Sinn macht, wollen es aber nicht zugeben. Statt ihre Lebensweise zu hinterfragen stopfen sie lieber tütenweise Chips in ihre fetten Leiber und glotzen auf die modernen Gladiatoren, die ihnen sogar in Bild und Ton ins Haus geliefert werden.
Statt miteinander zu spielen schauen sie anderen beim spielen zu und für die ist aus dem Spiel schon lange Arbeit geworden.
Diese Arbeit mag Spaß machen, so wie manche andere auch. Mir macht kochen Spaß. Mich stört nur der Rahmen, der Käfig aus Gewinnvorgaben und Kreativität tötenden Wiederholungen der immer gleichen Rezepturen, in dem ich kochen soll.
Der Rahmen zerstört die Freude, nicht die Tätigkeit. Ohne diesen Rahmen habe ich funktioniert, habe für Menschen statt für Lohn gekocht. Ob das in den Augen anderer Arbeit war oder nicht, spielte für mich keine Rolle. Ich spielte mit meinem Handwerk und das machte für mich mehr Sinn als Geld für ein Auto verdienen zu müssen, um damit zu der Arbeit fahren zu können, mit der ich das Geld für dieses Auto verdienen kann. Fällt außer mir niemand auf, wie absurd das ist?
Ihr dürft mich wie die Sklaventreiber in der Politik Schmarotzer nennen, beschimpfen und beleidigen. Es stört den Baum nicht, wenn sich eine Sau an ihm reibt. Ich habe lange genug in eurem Irrenhaus überlebt und fürchte eure Worte und Taten nicht. Im schlimmsten Fall muss ich mir das Reh selbst jagen.

