Ein Jahrzehnt ist es jetzt her, dass ich es entdeckte. Es, das Trauma, das mich lange Zeit dazu trieb ein Rudel, eine Sippe, Gemeinschaft zu suchen. Es war der Verlust meines Rudels aus der frühen Kindheit, das mich zu dieser Suche trieb. Ich wollte es zurück haben.
Seit ich die Ursache kenne ist der Drang verschwunden. Die Vergangenheit kommt nicht zurück. Ich würde immer noch lieber für zwanzig statt nur für einen Menschen kochen. Doch das liegt daran, dass es nicht nur sinnvoller ist, sondern auch mehr Freude bereitet. Es ist nichts zwanghaftes an dem Gedanken. Ich suche keine Sippe mehr.
Ich könnte jetzt darüber spekulieren, ob meine soziale Behinderung durch das Trauma entstanden oder angeboren ist. Oder ob ich ohne den Verlust, im Schoße einer echten Familie mit Opa, Oma, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen zu einem von euch geworden wäre. Was für ein gruseliger Gedanke. Beim schreiben kommen mir seltsame Ideen.
Ich wollte über Wir schreiben und es ist mit Absicht groß geschrieben. Mein Wir ist groß. Mir wurde von einer Freundin vorgeworfen, dass ich nicht in Wir denke und in ihrem Sinn hatte sie recht. Mein Wir umfasst keine Gruppe, keine Familie, kein Rudel. Wenn ich Wir denke, denke ich über die Menschheit nach, nicht über einen Teil davon.
Vielleicht war es das, was mich in jeder Gruppe von den anderen trennte. Wahrscheinlich sogar. Keine Grenze zu ziehen scheint Angst zu machen, Unbehagen zu erzeugen. Selbst die ach so offenen Linken brauchen ihr Feindbild, ihre Grenze. Die mag etwas durchlässiger sein, als in anderen Gruppen. Immerhin haben sie mich geduldet.
Doch ihr Wir beinhaltet keine Milliardäre, keine Rechten, keine Linken von der anderen Fraktion. Ich liebe diese Szene in „Das Leben des Brian.“ Sie zeigt deutlich, wie Gruppen, Vereine und Parteien funktionieren.
Mein Wir ist anders. Es gibt euch und mich und zusammen sind wir Wir. Anders kann ich es nicht betrachten, denn niemand ist wie ich und die Unterschiede zwischen mir und ihm oder ihr sind immer größer als die Gemeinsamkeiten. Für mich ist jeder Mensch ein Fremder, egal wie gut ich ihn zu kennen glaube. Ein Glaube, den ich nicht pflege.
Mir wurde ja auch schon vorgeworfen, dass ich mich nicht darum bemühe einen Menschen zu verstehen. Ich halte das für unmöglich. Motivationen und Verhalten kann ich intellektuel manchmal nachvollziehen. Aber einen Menschen zu verstehen scheint mir nicht möglich zu sein.
Ich und ihr, das ist für mich Wir. Und tatsächlich komme ich zuerst. Denn ich bin das einzige, was immer da ist. Ihr seid nur Begegnungen. Ich bin Tag und Nacht da, sitze ständig in meinem Kopf und betrachte die Welt. Auch ich mag nur eine Simulation sein, ein Schatten auf der Höhlenwand. Doch in meiner Wahrnehmung bin ich ständig da.
Wir. Das sind für mich Milliarden solcher Ichs. Manche sich ähnlicher als andere, manche ungewöhnlich, außergewöhnlich, faszinierend. Einige für mich eher langweilig, nervig, verstörend. Doch sie gehören alle dazu.
Wir bedeutet vor allem, dass ich mich euch zugehörig fühle. Auch wenn ich mir manchmal wie ein Alien vorkomme. Doch ich bin und bleibe einer von Uns, ein Mensch. Sicher keine Krone der Schöpfung, aber dazu in der Lage die Natur zu manipulieren. Nicht besser oder schlechter als jeder von euch. Nur ein wenig anders.

