Ich habe ja schon erwähnt, dass ich eine Ausbildung als Koch gemacht habe. Das Ende meiner Kindheit mit vierzehn Jahren.
Der Königsbacher Brauereiausschank in Koblenz war eine Anlaufstelle für zahlreiche Busunternehmen auf der Mittelrheintour. Wahrhaft im Schweiße meines Angesichts verdienten wir dort unsere Brötchen. Man durfte sein Brötchen aber erst essen, wenn der Posten stand. Für Laien: die Vorbereitungen für den kommenden Ansturm abgeschlossen waren.
Ich war auch damals schon der Außenseiter, hatte im Alleingang für mich das Jugendschutzgesetz durchgesetzt und mir damit in der Brigade keine Freunde gemacht. Fast meine gesamte Lehrzeit verbrachte ich auf einer Seite des Herdes. Auf der anderen wollte man mich nicht haben. Folgen dieser Verbannung war eine frühzeitige Spezialisierung.
Entremetier nennt man diesen Arbeitsbereich und Gemüse und Beilagen galten zu dieser Zeit in der gutbürgerlichen Küche noch als Nebensache. Ein echter Koch briet Fleisch. Es ist schon seltsam wie sich eine Prägung im Lauf der Zeit entwickeln. Ich lernte Gemüse zubereiten und der Vegetarismus wanderte nach Deutschland ein. Nicht sofort nach meiner Ausbildung und nicht so zahlreich wie die Pizzerien, die plötzlich überall entstanden. Doch unaufhaltsam.
Vegetarier galten als seltsame Sektierer und das Essen aus Reformhäusern schmeckte so wie Reformhaus klingt. Grauenhaft. Es waren tatsächlich die Anhänger einer indischen Lehre, die Hare Krishna, die als erste zeigten wie lecker vegetarisches Essen sein kann. Sie hatten keine Gaststätten, doch mit etwas Glück bekam man eine Einladung von ihnen. Wenn man eine Schallplatte kaufte. Ich habe meine leider nicht mehr, die Musik war gut. Auch wenn der Text sich ständig wiederholte.
Dann machte eine andere Gemeinschaft ein Geschäftsmodell aus der Idee vegetarische Restaurants zu eröffnen. Nicht als alternative linke Kneipe, sondern als Hochglanzprodukt. „Zorba the Buddha“ hieß das Konzept, erst für die Restaurants, später auch für Discotheken. Der Erfolg war enorm.
Dort war meine Ausbildung plötzlich etwas wert, mein Wissen gefragt. Ich gehöre zu den Leuten, die damals die vegetarische Küche neu erfunden haben. Nicht mit Askese und frommen Lehren, sondern mit genau dem Gegenteil. Die Schüler des Sexgurus hatten nicht den Ruf von Asketen und überzeugten mit Lebensfreude und Geschmack.
Es war nur ein Strohfeuer. Es gibt zwar noch einige Meditationszentren und Therapieinstitute, doch die Restaurants sind schon lange weg. Ich war sogar schon vor ihnen weg, stolperte meinen eigenen Weg entlang, machte meine eigenen Erfahrungen.
Doch der Gedanke mit einer Gemeinschaft ein vegetarisches Restaurant zu betreiben schlummert seitdem in meinem Kopf. Leider blieb es bei dem Gedanken. Der letzte Versuch scheiterte vor ungefähr zehn Jahren. Dabei waren wir schon weit gekommen. Wir hatten zusammen ohne Geld eine Gaststätte gekauft. Nicht als Gaststätte, obwohl es noch eine Konzession gab. Doch für ein Restaurant bekommt man von der Bank kein Geld. Wir haben das Objekt als Wohnhaus gekauft.
Der Trick ist einfach. Man gründet eine Genossenschaft, schließt mit den Mitgliedern Mietverträge ab und bekommt einen Kredit von der Bank. Es gibt eine Menge Papierkram und Lauferei, doch es geht. Das Gasthaus war funktionsfähig. Man hätte nur einen Pachtvertrag für die Gasträume mit der Genossenschaft abschließen müssen und eröffnen können. Das wollte dann nach dem Einzug nur noch ich und ich beerdigte meinen Plan.
Ich will hier nicht näher auf das Konzept eingehen. Es sollte ein soziales Gasthaus werden, ein Ort für das Miteinander. Teil dieser Idee war es an einem Tisch zusammen zu essen, statt an vielen Einzeltischen. Es sollte auch kein Menü geben, diese als französisch verkaufte russische Idee. Auf mein Essen warten zu müssen bis andere ihre Suppe gelöffelt haben, hat mir schon als Kind auf Familienfesten nicht gefallen.
Warum darf man die Suppe nicht als Nachtisch essen?
Eine Tafel voller Köstlichkeiten, ähnlich einem Buffet, aber ohne ständig aufstehen und zu den Speisen rennen zu müssen. Zusammen am Tisch sitzen, essen, lachen, reden. Vielleicht gefällt mir die Idee nur so gut, weil ich mich an einer solchen Tafel wie ein Fremdkörper fühle.
Damit kommen wir nun zum Ausgangspunkt für diesen Beitrag: Speisen. Ich wollte eigentlich nur ein paar Gerichte auf die Speisekarte setzen und habe statt dessen wieder Geschichten aus meinem Leben erzählt. Aber ich will euch nicht verschweigen, was ich vielleicht auf meiner Tafel serviert hätte. Es hätte auch etwas anderes sein können. Ich koche gern planlos.


