Ich habe meine Gedanken lange als Plagegeister betrachtet. Unablässig plappern sie vor sich hin, stellen Fragen, kritisieren die böse Welt oder mein eigenes Verhalten. Sie waren lästig, niemals still, oft nutzlos.
Das Problem waren aber nicht meine Gedanken. Die sind einfach da, so wie die Luft. Die Luft macht nur Probleme, wenn sie fehlt. Das Problem mit Gedanken ist nicht, dass sie da sind, sondern dass sie nicht hier sind. Sie sind ständig woanders, hüpfen von hier nach dort und wieder zurück, springen im Dreieck oder drehen sich im Kreis.
Plagegeister. Das sind die Gedanken, die nicht meine eigenen sind. Fremde Gedanken, von frühester Kindheit in meinen Kopf gepflanzt und von allen Lehrern sorgsam gegossen. Man hat sich Mühe gegeben mir die richtigen Gedanken beizubringen. „Schaffe, schaffe, Häusle bauen.“ habe ich als Kind gesungen. Der Gedanke ist mir nicht unbekannt. Doch beim Versuch daraus Handlung zu machen, täglich in das Hamsterrad zu steigen und im Schweiße meines Angesichts mein tägliches Brot erkämpfen zu müssen, schrien meine Gedanken bald nur noch: „Weg hier.“
Das ist der erste wirklich eigene Gedanke, an den ich mich erinnern kann. „Weg hier.“ Diesen Gedanken habe ich nicht gelernt, sondern gefunden. In mir selbst. Ich bin ihm auch lange gefolgt. Bis in die Gosse. Lieber unter einer Brücke schlafen, als in einem Wohlstandkäfig ersticken. Und mit jedem Jahr wurde der Gedanke in der Tretmühle strampeln zu müssen für mich unerträglicher. Ein Plagegeist. Einer von euren.
Man kann Gedanken disziplinieren. Eine Zeit lang. Sie lassen sich nutzen, um Rätsel zu lösen oder Maschinen zu erfinden. Oder Götter. Regeln und Gesetze. Ideale und Ideologien. Ob alles davon nützlich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch das meiste davon ist nur Blendwerk. In den Gedanken glänzt es verheißungsvoll, in der Wirklichkeit verursacht es oft mehr Schaden als Nutzen.
Freiheit ist so ein schöner Gedanke. Doch kann ein Mensch wirklich frei sein? Gerechtigkeit klingt toll, doch kann es sie tatsächlich geben? Viele der besten Gedanken scheitern kläglich und meistens daran, dass andere Leute andere Gedanken haben. Wir denken nicht alle gleich.
Wahrscheinlich ist das der Traum der Diktatoren. Menschen, die alle das Gleiche denken. Den Religionen gelingt das sogar teilweise. Die Christen dachten lange die Erde sei eine Scheibe, obwohl das Wissen um die Form unseres Planeten schon lange vor der christlichen Zeitrechnung bekannt war. Jahrhunderte lang war der Gedanke an die Scheibe unumstößlich in den Köpfen der Menschen verankert. Nur ein Gedanke, doch mit Folgen.
Es war ja nicht das einzige Dogma der Religion und etwas anderes als das erlaubte zu äußern hatte meist unerfreuliche Folgen.
Heute streiten die Menschen darüber, welcher Gedanke richtig oder falsch ist. Welcher Lehre man folgen soll. Wie lange wir das noch können bevor wieder ein Dogma die Debatten beendet und Gedanken in den finsteren Käfig einer Ideologie einkerkert, ist eine Frage, die während ich darüber schreibe in meinen Gedanken aufploppt. So ist es meistens. Ich suche mir ein Thema und lasse meine Gedanken los galoppieren. Ich weiß vorher nicht, was ich schreiben soll oder will. Ich konzentriere mich auf Wortwahl und Rechtschreibung. Das ist der Käfig, in dem sich meine Gedanken austoben dürfen. Wenn dann so eine Seite oder zwei mit Buchstaben bedeckt ist, werden die Gedanken langsam träge. Dann plagen sie mich nicht mehr, flüstern nur noch leise und ich kann sie ohne Handlungsdruck betrachten. Dann werden sie niedlich, so wie ein kleines Kätzchen mit einem Wollknäuel. Oder eher einem Dutzend.

