Weltbilder

Wir leben alle auf dem gleichen Planeten, doch in verschiedenen Welten. Viele dieser Welten sind einander ähnlich, vermischen und überlagern sich und bilden so den Nährboden für eine wertebasierte Gesellschaft. Wo sich die Welten mischen, ihre Mechanismen sich gleichen, können Menschen miteinander agieren. Wir benutzen alle Geld, obwohl es nur bedrucktes Papier ist. Doch sein Wert ist in all unsren Welten ähnlich genug, um als anerkanntes Tauschmittel zu funktionieren.
Wir benutzen alle die gleichen Zahlen, doch ihr Wert ist verschieden. Für einige ist tausend viel, für andere eine Million wenig. Wir benutzen ähnlich klingende Laute und kommunizieren damit. Leider häufig aneinander vorbei, weil Worte in verschiedenen Welten verschiedene Bedeutungen haben können.
Diese Welten, oder besser Weltbilder, denn sie existieren nur in unseren Köpfen, trennen uns. Sie mögen ähnlich sein und wir bemerken in der Begegnung keinen Unterschied. Doch sie sind nie identisch und je mehr man in die Welt eines anderen Menschen eintaucht, um so deutlicher und mehr werden diese Unterschiede.
Doch wir sind in der mobilen und vernetzten Welt nicht mehr nur von Menschen mit ähnlichen Weltbildern umgeben.
Nicht nur kulturelle Hintergründe schaffen unterschiedliche Bilder, auch die Arbeitsteilung und der unterschiedliche Alltag lassen uns in sehr weit voneinander liegenden Welten existieren. Auch wenn diese Welten nur in unsrer Wahrnehmung existieren.
Das ist der Fluch des Individuums.
Wir leben nicht mehr in engen Gemeinschaften von kleinen Dörfern miteinander, nicht mehr gemeinsam in einem Haus, sondern allein oder mit einer Rumpffamilie zusammen eingepfercht zwischen vielen Menschen mit oft fremden oder unbekannten Weltbildern in den Wohnwaben um uns herum. Wir leben nicht mehr miteinander in einem gemeinsamen Alltag und selbst in Partnerschaften tun wir das nur noch nach Feierabend. Wir arbeiten nicht mehr zusammen, sondern jeder für sich.
Jeder Unterschied im Alltag mag für sich genommen nicht dramatisch sein, doch in der Summe sind zu viele verschiedene Weltbilder für viele Menschen überfordernd. Rufe nach einer Leitkultur und Rassismus zeigen die Folgen dieser Überforderung. Neugierige Menschen bereichern sich selbst an der Vielfalt, ängstliche Menschen meiden sie. Vielleicht, weil sie nicht in ihrer eigenen Welt leben, sondern nur Gast in der Welt eines anderen sind. In ihrer eigenen Vorstellung.
Ich verstehe Gemeinschaft nicht. Jedenfalls nicht vollständig. Gemeinsam Ziele erreichen zu wollen, einen emotionalen Austausch leben zu können, das kenne ich und habe ich ja auch häufig versucht.
Doch ist dazu wirklich ein ähnliches Weltbild notwendig?
Ich habe immer wieder erlebt, dass ein anderes Weltbild zu besitzen mich irgendwann ausschloss. Je mehr die Menschen von meinem Weltbild sahen, um so seltsamer wurde ich für sie. Die Erfahrung selbst begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich war immer der Seltsame. Das hat mich irgendwann dazu gebracht mich Künstler zu nennen und so meine Seltsamkeit zu etikettieren.
Ich hatte Freundschaften und Beziehungen, oft auch lange. Ich bin durch viele gemeinsame Welten gewandert. Doch ich kam nach jeder Wanderung schnell in meine eigene Welt zurück.
Ich habe Gedanken und Erlebnisse geteilt, doch meine Welt scheinen nur wenige Menschen sehen und betreten zu können. Manchmal schien ich in der Welt eines anderen zu versinken, verlor mich in den Träumen und Wünschen eines Gegenübers. Doch ich kann nicht dauerhaft in einer fremden Welt leben, egal wie gern ich sie besuche.
Anderen Menschen scheint das zu gelingen.
Sie stricken aus Gemeinsamkeiten einen Kosmos, in dem sie als Gemeinschaft leben. Ob Esoteriker oder Hausbesetzer, Intellektuelle oder Arbeiter, Punks oder Burschis. Jede Szene hat einen eigenen Kosmos, mit eigener Sprache und eigenen Ritualen. Ich kann mich in so einem Kosmos bewegen, in manchen sogar unauffällig. Doch ich bin in keinem davon zu Hause. Meine Welt reist durch die Universen und findet keinen Anker.
Auch wenn diese Welten nur im Kopf existieren, nur als Bilder unsere Wahrnehmung färben, haben sie großen Einfluss auf unser Wohlbefinden und unser Verhalten. Wer nur eine graue Regenwelt sieht wird selten lachen. Wer überall Feinde sieht wird sich feindselig verhalten.
Es sind unsre Weltbilder, die letztendlich die reale Welt verändern. Wir entdecken und erfinden, folgen Heilsversprechern oder Unheilsboten, streiten über den Weg in eine bessere Welt und zerstören dabei gerade unsren eigenen Lebensraum. Wir sind noch nicht dazu fähig außerhalb dieses Planeten zu leben, auch wenn wir davon träumen mögen.
Die meisten Menschen sehen nicht, dass sie nur einem Bild folgen. Sie halten das Schattenspiel auf der Leinwand ihres Geistes noch immer für real, denken ihr Bild von der Welt sei die Wirklichkeit. Sie wirken auf die Welt, doch die Wirklichkeit wird sich niemals ihrem Bild ergeben, wird immer jenseits unsrer Wahrnehmung ihren eigenen Weg gehen. Doch wir rennen durch die Matrix, basteln an einer besseren Welt und wollen nicht einsehen, dass die reale Welt sich nicht unsrem Willen beugt. Ein Loch zu graben mag sowohl in der realen wie auch in der virtuellen Welt gleich aussehen. Doch in der realen Welt bleibt es nicht so, wie wir es gegraben haben und so beginnt schon bald die Zeit der Reparaturen an unsrem Werk. Bald wird die Menschheit nichts mehr erschaffen können, weil die Taten ihrer Vorfahren sie dazu zwingt um jedes Stückchen Lebensraum zu kämpfen.
Viele Weltbilder werden irgendwann statisch, verändern sich im Lauf der Zeit nur noch wenig und werden zum Dogma, das manche als allgemein gültig betrachten und zum Gesetz für alle machen wollen.
Daraus entwickelte sich schon immer der Konflikt zwischen alt und jung, zwischen den Generationen. Der junge Mensch will die Welt erkunden, der Alte glaubt sie zu kennen.
Die Jugend kann ein Dogma zertrümmern, doch es vollständig zu zerstören gelingt nicht immer. Der Nationalismus treibt ja deutlich sichtbar neue Blüten, die Prüderie kehrt nach Jahren der Befreiung wieder aus dem Grab zurück und auch der Kolonialismus tötet wieder Artgenossen. Zum Glück scheinen wir die Hexenverbrennungen endgültig hinter uns gelassen zu haben. Die Steinigungen noch nicht.
All diese absurden Verhaltensweisen haben eine Gemeinsamkeit. Sie entstanden aus Weltbildern, aus genormten Weltbildern, aus ähnlichen Weltbildern.
Wo die Weltbilder zu verschieden sind, fühlen sich viele Menschen nicht wohl. Doch wo sie zu ähnlich sind entsteht im besten Fall Stagnation, im schlimmsten Fall ein Weltkrieg. Trotzdem fände ich es gut, wenn sich die Idee der Kooperation als globales Weltbild durchsetzen würde. Aber das ist dann schon wieder mein eigenes Weltbild.