Wir werden ja als Kinder täglich in die Schule geschickt, um dort all das zu lernen, was wir später einmal brauchen werden. Doch das habe ich in der Schule nicht gefunden. Ich habe trotzdem gelernt, doch nicht das, was ich lernen sollte. Statt brav meine Hausaufgaben zu machen habe ich in einem Lexikon geblättert und gelesen, was ich interessant fand. Es ist nicht alles davon brauchbar oder nützlich gewesen. Doch das muss Wissen auch nicht sein. Nutzloses Wissen zu besitzen ist die eigentliche Bildung.
Die alltägliche Kommunikation findet überwiegend auf der Basis von nutzlosem Wissen statt. Es ist vollkommen nutzlos zu wissen, mit wem die Cousine dritten Grades verlobt ist. Doch viele Menschen kommunizieren mit solchen Informationen. Das Bildungsbürgertum spricht über ein gerade erschienenes Buch, eine Opernaufführung oder einen kleinen Skandal. Nichts davon ist wichtig.
Ich kannte während meiner Schulzeit jede Karte jedes Quartetts und die Daten darauf auswendig. In einer anderen Generation kannten Schüler alle Pokemon und ihre Fähigkeiten. Nutzloses Wissen, doch für die soziale Interaktion unverzichtbar.
Dieses ganze Wissen mag für die Wirtschaft unbrauchbar sein, doch ohne es würde die Wirtschaft nicht funktionieren. Es ist der Klebstoff, der die Gesellschaft zusammen hält. Schulwissen wird dafür nicht gebraucht. Es mag Bereiche in der Wirtschaft geben, in der es wichtig ist zu wissen wie die Hauptstadt des Senegal heißt. Die meisten Menschen werden dieses Wissen nie brauchen.
Ich kannte als Kind alle Landkreise der BRD und ihre Nummernschilder. Dieses Wissen war noch nutzloser als meine Cousine dritten Grades zu kennen. Mein soziales Umfeld beschränkte sich damals auf Vater, Mutter und einen jüngeren Bruder, der mich schon als Kind meistens langweilte. Ich brauchte das soziale Wissen eines Freundeskreises oder Kollegiums nicht. Doch bei Stadt, Land, Fluss war ich unschlagbar. Und meine Eltern waren stolz darauf so ein kluges Kind zu haben ohne zu ahnen, was ich mit dieser Klugheit noch alles anstellen würde. Den so heiß begehrten Juristen in der Familie haben sie nie bekommen.
Doch man kann an diesem Beispiel sehen, dass Kinder auch ohne Peitsche und Zwang lernen. Und sie lernen auch in der Schule, während der Pausen. Jugendkultur entsteht nicht im Unterricht, sondern in den Unterbrechungen zwischen den benoteten Einheiten.
Dort entsteht das, was ich Bildung nenne. Die Bildung von Gemeinschaft. Die Wissensinhalte selbst sind zweitrangig. Jeder lernt in seinem sozialen Umfeld, was er dort braucht. Der Indigene im Regenwald weiß alles, was er zum überleben braucht. Er muss nicht wissen, wie man einen Vergaser reinigt oder eine Zylinderkopfdichtung wechselt. Das weiß ja auch hier nicht jeder. Niemand kann alles wissen.
Unser Bildungssystem versucht möglichst viele Daten in die Köpfe der Schüler zu stecken. Daten über deren Nutzen man streiten kann. Das ist keine Allgemeinbildung, wie ständig behauptet wird. Allgemein vergisst die Mehrheit der Schüler die Lehrinhalte spätestens nach der Klausur und nach der Schule wird von diesem Wissen nur noch wenig gebraucht.
Ich hatte einen Mitschüler, ein Sonderling wie ich, ein besonderer Junge. Er fertigte aufklappbare menschliche Körper aus Papier an, in denen alle Organe farblich markiert übereinander lagen. Der menschliche Körper faszinierte ihn, doch das Schulsystem förderte ihn nicht, sondern ließ ihn wie mich die Quarta wiederholen. Ich weiß nicht, ob ein Arzt aus ihm wurde oder ein am Schulsystem gescheiterter Hausmeister an der Uni, der nachts heimlich durch die Anatomie schleicht. Ich habe zwar die Quarta noch mit ihm zusammen abgesessen, aber schon das nächste Schuljahr nur noch aus der Ferne betrachtet. Statt zur Schule ging ich lieber in ein Café, trank Cola mit Zitrone und finanzierte das mit am Flipper gewonnenen Freispielen, die ich an andere Gäste verkaufte.
Wir lernen, was wir brauchen. Und Kinder sind neugierig, haben ständig Fragen. Statt diese Fragen zu beantworten oder dem Kind zu zeigen wie und wo es Antworten finden kann, zwingen wir Kinder still zu sitzen und sich Vorträge über das Liebesleben von Blütenpflanzen anzuhören. Das mag einige Kinder faszinieren, doch nicht alle.
Menschen sind verschieden. Doch in einem sind sie sich sehr ähnlich. Sie mögen es nicht Stunden lang mit langweiligen Reden gequält zu werden. So lange unser Bildungssystem versucht mit dieser Methode Bildung zu erzeugen, wird es scheitern. Es wird Menschen ausspucken, die lernen als etwas negatives betrachten.
In Dänemark wird mittlerweile Empathie in der Schule unterrichtet. Dass ist zwar sinnvoll, zeigt aber auch ein Bildungsdefizit, das lange vor der Schule beginnt. Bildung beginnt ja nicht in der Schule, sondern viel früher. Man kann gebildet durch das Wort geformt ersetzen, um zu verdeutlichen was Bildung tut. Sie soll den menschlichen Geist formen.
Die Ideologen der absoluten Freiheit mögen argumentieren, dass es nicht notwendig ist den Geist zu formen. Doch es geschieht auch ohne System. Jede Wahrnehmung, jede Interaktion formt das Gehirn, verknüpft Zellen und baut Strukturen, die sich im Lauf der Zeit verfestigen. Es gibt kein funktionierendes Gehirn ohne Form.
Die entscheidende Frage für eine funktionierende Gesellschaft ist, wie wir den Geist der Kinder formen und schon lange vor der Schule machen wir den ersten groben Fehler. Wir überlassen diese Aufgabe Amateuren, für die wichtigste Aufgabe der Gesellschaft nicht geschulten Menschen.
In Zeiten der Großfamilie war das noch weitgehend unproblematisch, auch wenn schon damals geistige Missbildungen entstanden. Für die Bildung, das Formen des menschlichen Geistes gibt es kein Universalrezept. Doch wenn viele Menschen an diesem Prozess beteiligt sind, ist die Chance größer, dass das Werk gelingt.
„Um ein Kind zu erziehen braucht man ein ganzes Dorf.“
lautet ein afrikanisches Sprichwort. Ob es wirklich ein ganzes Dorf sein muss, kann ich nicht beurteilen.
Doch es werden dazu deutlich mehr Beteiligte gebraucht als ein oder zwei Menschen. Selbst wenn es sich dabei um ausgebildete Pädagogen handelt, ist die begrenzte Auswahl an Vorbildern kein brauchbarer Nährboden für die Entstehung einer für Unterschiede offenen Persönlichkeit.
Kinder lernen nicht nur aus den Worten, die wir ihnen wiederholt vorbeten. Im Gegenteil. Sie lernen hauptsächlich aus dem Verhalten ihres Umfeldes und je begrenzter das ist, um so weniger lernen sie. Dieser Aspekt wird in den Debatten über Bildungspolitik vollkommen unterschlagen.
Ehe und Familie werden nicht angezweifelt, obwohl sich die Strukturen dieser gesellschaftlichen Bausteine grundlegend verändert haben. Die Ehe verbindet keine Sippen mehr.
Das Defizit der fehlenden Vorbilder sollen die Kinderkrippe, der Hort, der Kindergarten oder wie auch immer man diese Institutionen nennen mag, ersetzen. Das funktioniert nicht. Man braucht viele Erwachsene für wenige Kinder und nicht umgekehrt. Man braucht unterschiedliche Altersstufen bei den Kindern und den Erwachsenen. Das können die Institutionen nicht leisten. Selbst dann nicht, wenn man den Kindergarten in ein Altersheim integriert.
Außerdem gibt es so immer eine Trennung der Welten, in denen die Kinder existieren. Sie pendeln schon jung zwischen Familie und Hort und oft gibt es zwischen diesen beiden Orten nicht einmal eine Brücke.
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten einhundert Jahren grundlegend verändert. Wir sind mobil, flexibel, effizient. Wir dürfen Individualisten sein, wofür ich persönlich sehr dankbar bin. Gleichzeitig halten wir uns an alten Zöpfen fest, auch wenn sie nicht mehr funktionieren. Ich will nicht behaupten, dass die Ehe nicht funktionieren kann. Doch sie tut es leider oft nicht und das hat große Auswirkungen auf die Bildung unsrer Kinder.
Was unseren Kindern fehlt ist die Sippe. Vielen von ihnen. Der Mensch ist ein Rudeltier, auch wenn wir in der modernen Welt als Individuen in einer Herde zusammen leben. Wir sind stolz auf unsere Städte, unsere Kultur, unseren Wohlstand. Doch in dieser Welt ist kein Platz mehr für Kinder und das nicht nur in räumlichem Sinn. Wir sind beschäftigt, abgelenkt und Zeit ist knapp. Doch Kinder brauchen Zeit, brauchen Aufmerksamkeit.
Wir überschütten Kinder mit Spielzeug, doch niemand spielt mit ihnen. So habe ich es schon vor sechzig Jahren erlebt und es ist nur noch schlimmer geworden. Wenn Mütter oder Väter auf ihr Smartphone glotzen, während sie das Kind unbeachtet im Kinderwagen durch die Stadt schieben, hat das Folgen. Wir werden sie in zwanzig Jahren sehen.
Der größte Fluch unserer modernen Lebensweise lässt sich mit dem Wort Alleinerziehend treffend beschreiben. Wir haben verlernt in Gemeinschaft zu leben. Das ist nicht nur ökonomisch und ökologisch dumm und hat die tiefe Spaltung der Gesellschaft zur Folge. Es ist auch für die Bildung ein Problem. Kinder lernen nicht mehr, wie man in einer Gemeinschaft lebt, Konflikte löst, stützt und gestützt wird. Sie werden zu Egoisten geformt.
Wie kann man das Problem lösen?
Wie bei der Verteilung von Erträgen ist auch dabei die Kommune das bessere Gesellschaftsmodell. In einer Gemeinschaft werden nicht nur die mit der Versorgung und Erziehung der Kinder verbundenen Lasten auf mehrere Schultern verteilt. Die Kinder bekommen durch die Vielzahl an Vorbildern und Verhaltensweisen auch eine andere Bildung. Ihr Gehirn formt andere Strukturen, lernt in einer Gemeinschaft zu leben.
Das ist das, was ich gute Bildung nenne.

