Berber

Ich habe ja schon an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass ich obdachlos war. Es ist lange her, bald 40 Jahre, doch ich denke ab und zu daran, wie frei es war nicht mehr als einen Rucksack zu besitzen.
„Money for nothing and the chicks for free.“ sagte eine Freundin über meine Lebensweise. Ich habe sie nie als Huhn betrachtet. Und ganz umsonst bekam ich mein Geld auch nicht. Es war ein höherer Stundenlohn als man als Koch verdiente, doch betteln ist genau so stressig wie arbeiten. Für mich war es aber der einzige Job mit freier Zeiteinteilung, der einzige Job ohne Boss, der einzige Weg unabhängig zu leben. Abhängig war ich zwar immer noch, abhängig davon, wie gut ich euch ein gutes Gewissen verkaufen konnte. Doch diese Rolle hatte ich schnell gelernt, Mitte der achtziger von einem alten Berber in Genua. Er hat mir alles beigebracht, was man zum Überleben auf der Straße können muss.
Berber. Warum sich Nichtseßhafte selbst mit diesem Namen bezeichnen, die eigentlich für die Bewohner des Atlasgebirges genutzt wird, ist mir nie erklärt worden. Der liebevolle Ausdruck Tippelbrüder wird in Deutschland nicht mehr beutzt. Der Bürger spricht lieber von Pennern. Ohne genauer hinzusehen und zu unterscheiden. Das tun die Berber selbst. Obdachlos ist für sie nicht Unglück und Not, sondern eine Entscheidung für ein freies Leben. Penner sind für sie die armen Schweine, die durch Sucht oder Drama unfreiwillig in der Gosse landeten und immer in der gleichen Stadt bleiben. Berber nennen sie Stadtratten.
Etwas mehr als ein Jahrzehnt lang lebte ich mit Unterbrechungen auf diese Weise. Geld hatte ich genug, ohne Arbeit und ohne Arbeitsamt. Manchmal musste ich in einer Suppenküche dinieren. In Frankreich ging das. In Carcasson servierte man den Clochards ein Dreigängemenu. Einfach aber schmackhaft. Wie es heute dort aussieht, weiß ich nicht.
Seit über zwanzig Jahren beobachte ich das alles nur noch aus der Ferne, werfe ab und zu mal einem Berber etwas Silber in den Becher. Ob sich immer noch gut von der Bettelei leben lässt weiß ich nicht. Die Sitauation am unteren Ende der sozialen Rangliste hat sich in den letzten Jahren ja ständig verschlimmert. Den Wunsch der Regierung Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden ist für mich eine noch größere Utopie, als Kernfusion zu nutzen, um unseren Energiehunger zu stillen.
Ich musste mich irgendwann entscheiden. Zwischen der Freiheit der Straße und der Hingabe an die Musen. Die Musen haben eindeutig gewonnen. Ich bin zufrieden mit meiner Wahl. Doch manchmal blicke ich auf den Schlafsack in der Garderobe und erinnere mich daran wie leicht diese Last gewesen war. Manche Lasten haben keine physikalische Komponente und wir erfinden uns ständig mehr davon.