Tag 2

beginnt mit einem Kater. Trockener Mund und Match in der Birne. Ich geh jetzt erst mal Kaffee kochen. Zum Kaffee dann ein Pfeifchen. Statt morgens erst mal eine Kippe wird es jetzt wohl eine Prise Cannabis.
Eine Prise ist die beste Bezeichnung, die ich für die Dosierung habe.
Eine kleine Purpfeife, ein Zug daran. Eine Prise ist die Menge, die ich mit diesem einen Zug einatmen kann. Ich will rauchen und nicht räuchern.
Obwohl ich ja eigentlich nicht mehr rauche. Deshalb keine Joints.
Joints verschwenden nicht nur die Substanz an den eigentümlichen Duft, der die Kiffer wie eine Wolke umgibt. Sie enthalten auch noch Nikotin, das Gift, mit dem ich Jahrzehnte lang mein Nervensystem reguliert habe. Joints zu rauchen hat, ähnlich wie beim Alkohol, einen sozialen Aspekt. Es ist ein Symbol des Teilens, ähnlich wie der geteilte Flachmann, den man in uralten Filmen sehen kann. Bevor sich die Helden in den heroischen Kampf mit was auch immer stürzen. Die Kultur ist die gleiche. Nur der Teil „sich in den Kampf stürzen“ fehlt beim Joint. Die gleiche Geste, eine andere Kultur. Drogengebrauch sozialisiert.
Mich nicht. Mich in die Gesellschaft hinein zu saufen hat Jahrzehnte lang nicht funktioniert. Alkohol verlieh mir nur den Mut mich in das soziale Gefüge hinein zu werfen, mir auf die Brust zu trommeln und der bösen Welt meine Herausforderung entgegen zu brüllen. Zu brüllen und zu kämpfen ist das Betriebssystem, dass man mir eingepflanzt hat. Teilweise schon vor meiner Geburt. Leider. Es gefällt mir nicht. Alkohol schmiert es. Doch ich will spielen, nicht kämpfen.
In der Jointkultur sind die Kämpfe anders, die Rituale andere, als ich sie für die soziale Interaktion gelernt habe. Kneipen hinterlassen Spuren in den Kindern, die in ihnen aufwachsen. Universitäten auch.
All diese vielen unterschiedlichen sozialen Welten und in keiner fühle ich mich wirklich wohl. In vielen kann ich mich bewegen. Ich trage die dazu notwendige Genetik in mir und kann sie auch nutzen. Auch ohne Alkohol. „Platz da.“ brüllen gelingt mir auch ohne Drogen. Sogar ohne Nikotin.
Cannabis verstärkt eher den Drang mich unter dem Tisch zu verstecken und das Toben der Welt von dort zu beobachten. Unter dem Tisch kann mich niemand schlagen. Unter dem Tisch bin ich allein. Allein bin ich wieder unter dem Tisch. Deshalb lebe ich allein.
Unter dem Tisch hervor zu kriechen bedeutet die Muskeln anspannen zu müssen. Jenseits des Tisches tobt der soziale Krieg und dafür muss man sich wappnen. Jederzeit kann dort ein Angriff erfolgen. Angriffe auf unterschiedlichen Ebenen. Der Fleischsack, in dem ich wohne, reagiert automatisch. Doch die ständige Alarmbereitschaft ist anstrengend und tut weh. Sie steckt ja in jedem Muskel, in jedem Nervenende.
Diesen Schmerz kann Cannabis lindern. Nicht indem die Nervenenden blockiert werden, sondern indem der Alarm abgeschaltet wird. Dadurch kann ich mich nach Einnahme des Medikaments eine Zeit lang relativ schmerzfrei bewegen ohne einen Tisch herum schleppen zu müssen.