Meine Tagesabläufe ändern sich. Funktioniere ich jetzt besser? Von mir aus betrachtet ja. Wobei funktionieren ein zweischneidiges Schwert ist. Ich habe auch auf der Arbeit als Mitarbeiter funktioniert. Manchmal sogar gut funktioniert. Bis ich das funktionieren nicht mehr ertragen konnte.
Aber Cannabis verändert die Persönlichkeit. Ich bin gespannt, ob ich auch wieder Vegetarier werde. Wie beim letzten Selbstversuch, damals noch mit teuren illegalen Substanzen. Doch ich verlor in drei Monaten zehn Kilo, ganz ohne Diät.
Nach einem Umzug musste ich das Medikament leider wegen fehlender Bezugsquellen absetzen. In dieser Hinsicht ist meine Neurodiversität leider eine echte Behinderung. Im Rückblick betrachtet habe ich mich oft mitten in der Drogenszene bewegt ohne es zu bemerken. Meine Droge war ja der immer noch überall verfügbare Alkohol. Wer säuft braucht keine anderen Drogen mehr.
Tägliche Spaziergänge gehörten damals zum Alltag und den ersten neuen habe ich gestern gemacht. Gehen, manchmal marschieren, manchmal wandern, manchmal bummeln, das war immer Teil meines Lebens. Bis Schmerzen diese Leidenschaft verstummen ließen. Gestern ging es gut, auch wenn ich nach dem Aufstieg auf den Hügel, auf dem ich über dem Dorf residiere, wie immer schnaufen musste. Aber die Muskeln spielten mit. Die permanente Anspannung in der Muskulatur ist weg. Das ist der tatsächliche Effekt. Mein Körper steckt voll von dieser speziellen Art der Muskelspannung, die man aufbaut bevor der Schlag einen trifft. Ich war gut darin. „Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen.“ hieß das Motto meiner Eltern. Das Ritual der Schläge gehörte irgendwann zu meinem Leben. Die Muskelanspannung ist heute Dauerzustand. Sie wurde im Lauf der Jahre immer schmerzhafter. Diese Anspannung wird durch Cannabis gelöst und ich kann mich wieder besser bewegen. Was ich auch reichlich nutze.
Es ist gemein, dass Muskeln Informationen speichern, die das Hirn am liebsten vergessen möchte. Die Schublade mit den Erinnerungen an diese Kindheit ist ein dunkler Keller, in dem nur eine kleine Fotokiste verblasste Schnappschüße präsentiert.
Ich habe leider wieder mit dem Tabak rauchen angefangen, mir aus dem Supermarkt Tabak mitgebracht. Fragt mich nicht warum. Das war so nicht geplant. Ich weiß nicht, was mich zu dieser Droge treibt, die seit über 50 Jahren mein ständiger Begleiter ist. Ich habe vor der Pubertät mit diesem Unsinn angefangen. Also angefangen selbst zu rauchen. Die Wurzeln der Sucht haben sogar genetische Komponenten. Mein gesamtes Umfeld hat geraucht, mein Opa Zigarren, an deren Gestank ich mich erinnere. Damals war es kein Gestank, wenn der Geruch sich mit Bleilettern und Druckfarbe mischte. Opas Druckerei ist für mich tatsächlich mit dem Begriff Zuhause verbunden. Seltsam, an die Wohnung erinnere ich mich nicht.
Doch ich möchte hier nicht meinen Opa für meine Sucht verantwortlich machen. Schuldig im Sinne der Anklage ist eine Zeichentrickfigur. Ich war als Kind das HB-Männchen, war zu wild, hatte Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Die Schachtel lag auf dem Küchentisch. Und die war nicht die einzige, die man in der Kneipe meiner Mutter fand. Wenn da ein oder zwei Zigaretten fehlten, die man heimlich im Wald rauchen konnte, fiel das nicht auf. Und schon bald war ich süchtig. Schon bald rauchte ich täglich und bald immer mehr.
Ich kaufte mir eigene. Das Geld dafür nahm ich aus der Groschenbüchse, in der die Einnahmen aus dem Kickerautomaten auf ihre Zählung und Verwertung warteten. Bei einer Mark für eine Schachtel waren ein paar Groschen genug. Peter Stuyvesant, Ernte 23, Camel Filter. Das war wohl die Reihenfolge, mit der ich mich fester an die Droge band. Camel war dann lange meine Marke, bis ich irgendwann nach der Lehre anfing eigene Zigaretten zu drehen. Drum, Bison, Jean Barth ist da wohl die Reihenfolge der Sorten.
Ich habe irgendwann lieber Tabak als Essen gekauft, wenn das Geld knapp war. Ein paar Stunden ohne Essen konnte ich gut überstehen, eine Stunde ohne Kippe nicht. Versuche aufzuhören gab es einige. Der letzte führte zu einer Pause von zehn Wochen und ist jetzt auch vorbei.

